Keine mythische Imagination, kein Sinnieren über Gott und die Welt, keine Suche nach dem Selbst – nichts lenkt Marianne Gradl-Grams von ihrer stillen Beobachtung der Jahreszeiten ab. Sie sieht mit offenen Sinnen, wie sich die Natur täglich, stündlich verändert: „Die Farben auf einmal fahl. Plötzlich das Herbstlaub – wie es aufblühte! Drei, vier schmerzliche Sekunden lang, ein Aufschrei – schon Regen.“

Nicht allgemein und geschwind wird hier Natur in einem Atemzug benannt. Eher wie ein Maler, Strich für Strich, Fleck für Fleck vorgehend, beschreibt sie die wechselnden Jahreszeiten, die Veränderungen im Garten, das sich ändernde Licht, die Atmosphäre, die mal den Wald kristallscharf Baum für Baum erkennen läßt, mal alles dunstig in weite Ferne rückt.

Nebenbei, langsam im Verlauf der Lektüre erfährt der Leser dann etwas aus dem Leben der Autorin. Belangloses, so scheint es. Kurze Blicke fallen auf ihr Haus, den großen Bauerngarten, die Terrasse aus Katzenkopfsteinen, die undichten Fenster (im Winter brauchen sie drei Rollen Tesamoll). Hunde, Katzen, Toni, ihr Mann werden erwähnt, eine Reise, ein Unglück im Nachbardorf. Nichts Persönliches, keine Probleme oder Arbeiten, die sie plant, werden genannt. Das Leben der Autorin verbirgt sich hinter der Aufmerksamkeit, die allein den Jahreszeiten gilt.

Und doch ist die Beobachtung der Natur niemals losgelöst von ihr, niemals objektiv und abstrakt. Sie – Biologin und Hausherrin – ist es, die Farben sieht, grell aufscheinend, fahl und belastend, Überdruß, Ekel erregend, zart, sanft und tröstend, die Milch, in der tote Fliegen schwimmen, die orangefarbenen Vorhänge von der Sonne durchglüht, die Ringelblumen in der blauen Glasvase – persönliche Farben neben der überbordenden Farbenflut des Sommers. Die Sehnsucht nach dem Anblick von Erde und Gras nach dem langen Winter, das leise Bedrohliche des stickigen Juninebels sind die Ereignisse dieses Tagebuches.

Ist dies ein Rückzug auf die allumfassende und ewige Natur, ein grünes, ein künstliches Paradies – ein unhistorischer und geschmäcklerischer Lobgesang auf die Phantasie der Natur? Impressionistische Malerei, japanische Farbholzschnitte, chinesische Landschaftsgemälde ziehen vor dem inneren Auge des Lesers vorbei.

Dagegen steht eine Wirklichkeit, in der die Äcker ausgelaugt werden von Chemikalien, Wälder zerfressen von saurem Regen, Landschaften zerstückelt und zugedeckt von Fabrikanlagen und ausufernden Städten. Diese meisterhafte Naturbeschreibung, ist sie banal, ja trivial: Beschaulichkeit für die Gesicherten, die Gutverdienenden, für Studenten und Pensionäre? Buchweizentorte, selbstgebackenes Brot, naturverbundenes Leben – nur für die satten Alternativen?

Darf man, soll man angesichts der schönen, poetischen Schilderung an das alles denken? Man soll. Die Autorin haßt Beschaulichkeit – als „Feigheit der Sinne“. Sie hat ihr Tagebuch geschrieben, nicht nur um Natur zu feiern, sondern um dem Leser eine gefährdete, eine „verschlampte Wirklichkeit“ vor Augen zu zwingen. Das geht nicht mit wissenschaftlichen Abhandlungen, die mit trockenen Fachtermini Natur ordnen, aber niemals den Sinn der Natur erfassen. Auch politische Manifeste können ein fremd gewordenes Lebensgefühl nicht zurückbringen.