Von Horst Bieber

Das Wunder dauerte zehn Tage. Mit der unverhofften Ankündigung Nicaraguas, es werde den Contadora-Friedensplan für Mittelamerika ohne Wenn und Aber unterschreiben, schien sich plötzlich ein Ausweg zu eröffnen, und die vier anderen Vertragsstaaten – Guatemala, Honduras, El Salvador und Costa Rica – beeilten sich, ihre Bereitschaft ebenfalls herauszustreichen. In puncto Friedensliebe wollte sich kein Politiker ausgerechnet von den ungeliebten Sandinisten übertreffen lassen, und dieser Ehrgeiz verstärkte die Bereitschaft, den Plan für die Ausführung zu nehmen.

Zehn Tage später herrscht Katzenjammer. Bis auf Nicaragua verlangen alle beteiligten Staaten substantielle Änderungen – zur Freude der Vereinigten Staaten, die für eine gute Woche mit ihrem Argument alleine standen, die 21 Prinzipien der Contadora seien zwar wunderschön und demokratisch vorbildlich, es komme aber darauf an, sie durchzusetzen und die Durchsetzung notfalls zu erzwingen. Eben diese Furcht treibt Nicaraguas Nachbarn um. Managua hat das allgemeine Mißtrauen nicht zerstreuen können, und die plötzliche Begeisterung der Sandinisten für das Contadora-Papier hat es paradoxerweise nur gefördert.

Washingtons Rolle ist klar. Die Vereinigten Staaten wollen nicht auf die Möglichkeit verzichten, die gegen die Sandinisten kämpfenden Contras auszubilden und zu unterstützen. Ebensowenig wollen sie sich durch einen Contadora-Frieden zwingen lassen, die Hilfe für die Regierung El Salvadors einzustellen und sich aus Honduras zurückzuziehen. All dies hätten sie binnen 30 Tagen nach Beginn des Friedensprozesses tun müssen, ohne – wie Außenminister Shultz klagte – eine Garantie dafür zu haben, daß im gleichen Tempo die Kubaner aus Nicaragua verschwinden.

Nicaraguas Rolle ist komplizierter. Das Bekenntnis zum Frieden und zur Kooperation erfolgte zeitlich so genau berechnet, daß die in Costa Rica tagenden Außenminister der EG, selbst nach massivem amerikanischen Druck, das Sandinisten-Regime gar nicht von der europäischen Finanzhilfe ausschließen konnten. Für Managua war die damit ausgesprochene internationale Solidarität wichtiger als der Anteil am – ohnehin spärlichen – Geldsegen.

Doch parallel dazu verfolgten die Sandinisten eine innenpolitische Absicht. Die Contadora verlangt in allen fünf zentralamerikanischen Staaten freie Wahlen unter Aufsicht einer internationalen Kontrollkommission. Wahlen sollen in Nicaragua am 4. November stattfinden; freilich haben sie den kleinen Schönheitsfehler, daß die Mitte-Rechts-Opposition daran nicht teilnimmt – bis jetzt jedenfalls nicht. Noch in der vorigen Woche verhandelten die Sandinisten und die sogenannte „Demokratische Koordination“ über eine Verschiebung des Wahltermins und Garantien für einen fairen Wahlkampf. Die Sandinisten ließen die Verhandlungen platzen, nachdem die „Koordination“ die unsinnige Forderung nicht erfüllen konnte, die Contras zur Waffenruhe und zum Rückzug zu veranlassen.

Gewählt wird also am 4. November, und die Sandinisten scheinen gewillt, diesen Urnengang als die freien Wahlen des Contadora-Plans auszugeben. Mit solchen Interpretationen eines Planes, der – wenn er überhaupt eine Chance haben soll – von allen Regierungen eine buchstabengetreue Erfüllung voraussetzt, geben sich die Nachbarn nicht zufrieden. Die Drehbühne der Politik hat sich einmal um ihre Achse bewegt, präsentiert wird wieder das alte Szenario. Mit einer kleinen Veränderung – das Wunder soll an anderer Stelle, in El Salvador, geprobt werden.