Von Joachim Holtz

Der Gang der Weltgeschichte muß schon ein wenig Rücksicht nehmen auf das Match der Schachmatadoren in Moskau. Dies ist nicht die Zeit, zu der sich das Leben eines der Großen dieses Landes erfüllen darf.

Anatolij Karpow und Garn Kasparow halten jenen Platz besetzt, auf dem traditionell die Totenbahre eines prominenten Sowjetbürgers das Defilee der Hinterbliebenen erwartet. In der Säulenhalle des grün-weißen Gewerkschaftshauses, dem Kreml fast auf Sichtweite nah, vollzieht sich seit Wochen ein Spektakel, das die sonst eher prosaische Nachrichtenagentur TASS als „Wettstreit um die Krone des Schachs“ apostrophierte.

Die Zeitungen breiten jede Minute des zögernden Geschehens aus, das Fernsehen reicht die Bilder an den Rest der Welt weiter. Leise, aber stolz zeigen die sowjetischen Schachfunktionäre, daß es um einen Weltmeistertitel geht, was für die Größten der Großen jedoch nur ein Heimspiel bedeutet.

Frühere Meister kommentieren in den Gazetten die Kombinationen der Finalisten, und Sowjetskij Sport erzählt gern weiter, wie einfühlsam sich Florencio Campomanez geäußert hat, der Präsident der Welt-Schach-Föderation. Die Säulenhalle beherberge die Schachlegenden der Vergangenheit, sie erwärme die Herzen der Enthusiasten.

Schach ist das Lieblingsspiel der Sowjetmenschen, es gibt mehr Freunde des Brettspiels als Fußballfreunde. Im internationalen Vergleich zählt es als Ausrutscher, wenn die Krone des Meisters das Land verläßt. Drei Jahre lang war das so, eine Katastrophe, die für alle Zukunft zu verhindern Lern- und Trainingsprogramme sicherstellen sollen. Seit 1948 haben sowjetische Spieler das Monopol auf den Weltmeistertitel, bis auf jene dunkle Zwischenphase eben.

Garri Kasparow ist der Herausforderer, ein Aserbeidschaner, zu Hause in Baku am Kaspischen Meer, ein unruhiger Typ, ehrgeizig, energiegeladen und publizitätsbedacht. Hat er seinen Zug getan, zeigt das Fernsehen ihn häufig im Saal unterschreitend, unter dem lateinischen Motto „gern und sumus“ – „wir sind ein Volk“ – und die Karpow-Freunde erregen sich über ihn.