Von Helmut Schödel

Am Himmel hängt ein Trapez. Eine Frau mit einem Gesicht wie ein Strichmännchen fliegt damit über baumhohes Gras, vom Regenbogen, der hinter ihr am Himmel steht, direkt auf uns zu. Sie kann sich nur noch mit einer Hand festhalten, so daß sie bald verunglücken wird. Aus dem Gras um sie herum, aus einer wirren, zerzausten Landschaft, dämmert ein schöneres Bild herauf: ein Liebespaar. So wie die beiden gezeichnet sind, dürften sie bald vierhundert Jahre alt sein, zwei Liebende der Spätrenaissance vielleicht.

In das grüne Gras brechen zwei hohe, dunkle Straßenleuchten eine Schneise. Aber hinter dem häßlichen Bild erscheint ein schöneres: ein alter Baum, breit, knorrig, weit verzweigt. Kein kranker Baum, einer von damals.

Die Nacht ist finster, der Mond nur noch eine schmale Sichel. Neben der dunklen Straße wartet der Tod. Ein schwarzes Gerippe sitzt vor schwarzem Gras wie vor verkohlten Bäumen. Doch hinter diesem Bild bricht der Vollmond durch die Wolken. Es ist der Mond aus einer fernen Zeit.

Der durchsichtige Schutzumschlag der Buchausgabe von Botho Strauß’ neuem Schauspiel "Der Park" ist von Peter Steins Bühnenbildner Karl-Ernst Herrmann mit Gras, Tod und Artisten bunt bemalt. Darunter, auf dem Buchdeckel, haben sich die alten Bilder erhalten. Aus der Vergangenheit leuchten sie herauf: ein Mond über einem Bachlauf, ein Laubdach für zwei Liebende. Man sieht drei Parklandschaften, an denen jedes Detail stimmt, die im ganzen aber nie gesehenen (manieristischen) Phantasiegebilden gleichen. Einem Sommernachtstraum vielleicht.

Wer sich den "Park" in der Hanser-Ausgabe von außen genau ansieht, hat das Stück schon fast verstanden. Durch einen deutschen Stadtpark spuken Szenen aus einem griechischen Wald. Dort, nahe Athen, trieben in Shakespeares "Sommernachtstraum" Oberon und Titania, ein König und eine Königin der Elfen, ihr Unwesen. Hier fanden die Liebespaare Lysander und Hermia, Demetrius und Helena durch die Zaubereien der Elfenwelt doch noch zueinander. Hier hatte Zettel, der Weber, einen Traum vom Theater. Bei Shakespeare ging es noch aus, wie es "das Sprüchlein rühmt": "Hans nimmt sein Gretchen/Jeder sein Mädchen;/Findt seinen Deckel jeder Topf,/Und allen geht’s nach ihrem Kopf." Das war die Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, zumindest auf dem Theater und in der Komödie.

Jetzt heißen die Liebespaare Georg und Helen, Wolf und Helma. Ihre Liebe ist kein Taumel mehr, kein Sommernachtstraum, kein Wintermärchen. Unsere Beziehungsdiplomatie hat den Liebeszauber vertrieben. Natürlich hatte auch bei Shakespeare schon jeder Liebhaber Macht und jede Liebe ihren Preis. Aber dann im Wald wurde alles bald ein Traum, fast ein Delirium. Jetzt spielen sich die Liebespartner wie Geschäftsleute gegeneinander aus, sind sie bald schon zu träge, noch in den Park zu gehen. Georg, Helen, Wolf und Helma: eine Liebes-GmbH & Co KG, eine schlechte Komödie.