Von Günther Mack

Unicef – das ist die sympathische Organisation, die vor Weihnachten ansehnliche Grußkarten zugunsten der Kinder in der Dritten Welt verkauft. Mit besonderem Erfolg in der Bundesrepublik: von den 34 nationalen Unicef-Komitees brachte das deutsche im vergangenen Jahr über 13 Millionen Karten unter die Leute, kassierte dafür 16,6 Millionen Mark und mobilisierte außerdem 13 Millionen Mark private Spenden. Mit einem Spitzenergebnis von 29,6 Millionen Mark lag Unicef-Deutschland noch vor den USA und Kanada.

Ein Viertel des Gesamtbudgets des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen fließt auf diese Weise aus privaten Quellen; die restlichen 75 Prozent kommen aus freiwilligen Zuwendungen zahlreicher Regierungen. Alles zusammen erbrachte im vergangenen Jahr mehr als eine Milliarde Mark.

Was macht Unicef mit so stattlichen Beträgen, überhaupt: was macht Unicef nach Weihnachten? Tatsächlich steckt hinter dem sanft-bunten Grußkartenimage eine Weltorganisation, die es in sich hat. Ein Blick auf die anderen Institutionen der Vereinten Nationen macht die Besonderheit deutlich: ob WHO (Gesundheit) oder FAO (Ernährung und Landwirtschaft), ob Unesco (Bildung, Erziehung, Wissenschaft) oder UNFRA (Bevölkerungsprogramme), ob UNRWA (Palästina-Hilfswerk) oder UNHCR (Flüchtlingswesen) – jede Einrichtung konzentriert sich, wie durchschlagend auch immer, auf einen einzigen Problembereich.

Bei Unicef ist das anders. Das Uno-Kinderhilfswerk stellt sich die Aufgabe, den Lebensbereich der Schwächsten, der Kinder und Mütter, in der Dritten Welt zu sichern und womöglich zu bessern. Aus diesem schlichten Ansatz folgt zwangsläufig eine fast übermenschliche Gesamtaufgabe: Wer abhelfen will, daß weiterhin in vielen Regionen der Dritten Welt die Hälfte aller Neugeborenen das erste Lebensjahr nicht überlebt, wer die frühzeitige, nicht zu Dehebende Verdummung auf Grund mangelhafter Ernährung bekämpfen will, wer Tropenkrankheiten und Epidemien, denen stets zuerst die Kinder zum Opfer fallen, eingrenzen will, wer den am Sterben Gehinderten dann wenigstens minimale Lebenschancen eröffnen will, der darf sich nicht auf Einzelaspekte der Unterentwicklung beschränken, sondern ist zu einem alle Lebensbereiche umfassenden Entwicklungskonzept geradezu verdammt.

In der Fachsprache der Entwicklungshelfer heißt das: Die Befriedigung der Grundbedürfnisse wird angestrebt, womöglich auch ein wenig mehr – die Versorgung mit Trinkwasser, das nicht krank macht; eine ausreichende Ernährung, Krankheitsbekämpfung, Gesundheitsvorsorge, ein Dach über dem Kopf, Alphabetisierung und handwerkliche Ausbildung. Und um die Kinder zu erreichen, muß jede Aktion die Frauen und Mütter einbeziehen. So bildet Unicef einen kompletten Mikrokosmos aller Entwicklungsaktivitäten, die unter dem Dach der Uno, wenn überhaupt, sonst nur als Einzelprogramm vorkommen.

In nicht weniger als 113 Entwicklungsländern arbeitet Unicef derzeit. Allerdings unterhält es nirgendwo eigene Projekte oder eigene Programme, Unicef ist immer nur Partner, wo Regierungen Hilfe bei der Verwirklichung eigener Entwicklungskonzepte brauchen. Das hat Konsequenzen, auch unangenehme, die hier nur angedeutet werden sollen: Die Arbeit von Unicef kann auf die Dauer nicht besser sein als die Rahmenbedingungen, die die jeweilige Regierung zur Verfügung stellt – und nicht wenige Regierungen haben ihr Land auf ein jämmerliches Niveau heruntergewirtschaftet. Wo Helfer von Mord und Totschlag bedroht werden, stellen selbst hartgesottene private Entwicklungshilfeorganisationen die Arbeit ein und ziehen ab. Unicef als Organisation der Uno darf selbst dann das Feld nicht räumen. Philosophie schönt die Not zur Tugend: Das Kinderhilfswerk, so heißt es, läßt Kinder nicht im Stich.