Von Benjamin Henrichs

Vier Männer im Niemandsland. Jeder, der das Theater kennt, kennt ihre Namen und ihre Geschichte. Sie heißen Wladimir und Estragon, und Pozzo und Lucky. Als George Tabori Anfang des Jahres in München ihr Spiel inszenierte, brauchte er für das weltberühmte Stück, Samuel Becketts "Warten auf Godot", nur eine winzige Bühne, höchstens fünfzig Quadratmeter groß.

Vier andere Männer, noch sind sie dem Theater unbekannt. Sie heißen Balla und Horetzky und Kolosy und Koplär. Ihr Niemandsland hat einen Namen: es ist ein Gefängnis in Ungarn. Und während Becketts Landstreicher immer auf Godot warten oder nie, findet das Spiel der vier Gefangenen an einem genau bestimmbaren Tag statt. Es ist der 24. Dezember 1953. Es ist Weihnachten – was keinen auf der Bühne, auch keinen Atheisten, Stalinisten, Sozialisten kalt läßt.

George Tabori hat "Das Verhör", ein Stück seines ungarischen Landsmanns István Eörsi, jetzt an der Berliner Schaubühne ur-inszeniert. Er braucht dafür eine Bühne, die mindestens fünfhundert Quadratmeter, also mehr als zehnmal so groß ist wie die zum Münchner "Godot". Das ist sonderbar und doch auch widersinnig-logisch: denn "Das Verhör" ist kein Weltgedicht wie der "Godot", sondern ein politisierendes Kammerspiel. Ein Konversationsstück. Spielte es nicht im Gefängnis, ginge es nicht ständig um Leben und Tod, könnten einen die raschen, klugen, gewitzten Dialoge in die Irre führen; könnte man "Das Verhör" auch ein Salonstück nennen, dessen Schauplatz die Hölle ist.

Die Zuschauer sitzen auf schwindelerregend steilen Tribünen. Sie blicken hinunter in die Tiefe, ins Kellergewölbe der neuen Schaubühne, blicken in die furchterregende Bühnenmaschinerie des Hauses, die nun plötzlich aussieht, als gehöre sie zur Architektur des Kerkers. Weit unten, wie in einer Schlucht, die große, kahle Spielfläche – ein winziges Lichtviereck auf dem Boden markiert eine Gefängniszelle. Irgendwo an der Wand, fast im Dunkel, steht der bekannte Tabori-Tisch. Die Wachleute sitzen da, einer sitzt besonders still und immer mit dem Rücken zur Bühne – wenn mich das Dämmerlicht nicht täuschte, war es George Tabori selber. Inmitten des nackten Verlieses ein Ort der Geselligkeit: man hockt beisammen, vom Lauf der Dinge ungerührt, und trinkt Kaffee, vielleicht auch Hagebuttentee.

Es ist ein suggestiver Raum, den Marietta Eggmann für Tabori erfunden hat. Er erlaubt einige glänzende Effekte – wenn ganz hinten eine hohe Eisentür sich öffnet, wenn man hinausblickt in die "Freiheit", in ein dichtes Schneegestöber.

Der Raum ermöglicht eindrucksvolle Choreographien: ständig sind die Häftlinge in zielloser Bewegung, gehen, streunen, rennen; sie tun das nicht leidend-melodramatisch, sondern auf leichten Füßen. Man denkt an die eingegitterten, ruhelosen, gleichwohl graziösen Raubtiere im Zoo.