Durch den Ausbau der Mittelschule soll der Bedarf an Arbeitskräften in der Sowjetunion gedeckt werden

Von Marianna Butenschön

Angekündigt hatte sie noch Jurij Andropow, verabschiedet wurde sie unter Konstantin Tschernjenko, durchgeführt wird sie nun von Michail Gorbatschow: die Schulreform in der Sowjetunion, die seit Jahresbeginn das innenpolitische Thema Nr. 1 bei der anderen Weltmacht ist.

Jurij Andropow, der im Februar verstorbene Kremlchef, der wie kein anderer mit dem Begriff „Reform“ in Verbindung gebracht worden war, hatte selbst nur ein einziges Mal öffentlich von einer Reform gesprochen: als er das Juni-Plenum des Zentralkomitees der KPdSU im vorigen Jahr in drögen Worten aufforderte, „sich ernsthaft über eine Reform unserer Schule und des Berufsbildungssystems Gedanken zu machen“.

Konstantin Tschernjenko, der derzeitige Staats- und Parteichef, hatte dann den Vorsitz einer Kommission des Politbüros übernommen, die dem ZK bis Ende 1983 in aller Stille einen „Entwurf“ über „Richtlinien zur Reform der Allgemein- und berufsbildenden Schule“ ausarbeitete. Der „Entwurf“ wurde als Gesetz erlassen.

Michail Gorbatschow, der mutmaßliche nächste Kremlchef, wird es aber sein, der für die praktische Durchführung der Reform verantwortlich zeichnet. Denn der Benjamin des Politbüros, von Haus aus Jurist und ZK-Sekretär für Landwirtschaft, ist überraschend Nachfolger Tschernjenkos als Vorsitzender der Reformkommission geworden.

Der neue Vorsitzende hat alle Hände voll zu tun. Denn schon am 1. September, der traditionell der erste Schultag ist und in diesem Jahr als „Tag des Wissens“ erstmalig in den Rang eines Feiertages gehoben wurde, ist die Reform angelaufen. Ihre Durchführung wird mindestens fünfzehn Jahre in Anspruch nehmen, handelt es sich doch um die umfangreichsten und tiefgreifendsten Veränderungen in der Geschichte der sowjetischen Schule.