Der geplante Bau des Kernkraftwerks Kaiseraugst setzt das Land einer Zerreißprobe aus

Von Fred Haemmerli

Eine Szene wie im Krimi: Vermummte Gestalten basteln eine Bombe, liegen sie im Schutze der Nacht vor die Tor eines abgelegenen Landhauses. Ein Blitz erhellt das Dunkel, die Detonation läßt den Boden erzittern. Doch was da am August über die Schweizer Bildschirme flimmerte, war kein Krimi. Das Grindelwalder Ferienhaus von Rudolf Rometsch, Präsident der „Nagra“ and verantwortlich für die künftige Endlagerung hochradioaktiver Abfälle aus den schweizerischen Kernkraftwerken, lag tatsächlich in Schutt und Asche. Eine anonyme Gruppe „Atomic Rometsch“ hat ihren Anschlag minuziös auf Videofilm gebannt und Kopien der Kassette an Zeitungen und Fernsehen versandt.

Mit ihrem Spengstoffattentat wollte die radikale Gruppe im letzten Augenblick noch die drohende Niederlage beim Abstimmungskampf um die schweizerische Atomenergie abwenden. Ihr Ziel hat sie nicht erreicht. Mit 55 Prozent Nein-Stimmen haben die Eidgenossen am 23. September die „Atominitiative“ zur Verhinderung weiterer Kernkraftwerke verworfen.

Die rechtsradikalen Kernenergie-Befürworter in der Schweiz zeigen sich kaum zurückhaltender in der Wahl ihrer Mittel: Angeführt von David Kinder, Chef des internationalen Speditionsunternehmens „Danzas“, und Hans Wyss, Präsident der Basler Handelskammer, holten rechtsgerichtete Politiker and Wirtschaftsleute die „Bürgerwehr des Kantons Basel Stadt“ aus der Versenkung hervor. Die Bürgerwehr war 1918 als Hilfsorganisation für Polizei und Militär im Kampf gegen die Aktivisten des damaligen (und für die Schweiz letzten) Generalstreiks ins Leben gerufen worden. Unter dem Namen „Vaterländischer Hilfsdienst“ soll die Bürgerwehr heute die Ordnungskräfte beim geplanten Bau des Kernkraftwerks Kaiseraugst bei Basel unterstützen. Welche konkreten Aktionen beabsichtigt sind, bleibt vorläufig allerdings noch das Geheimnis der vaterländischen Truppe Bürgerwehr-Präsident David Linder verweigert jeden Kommentar: „Das ist nichts für fremde Nasen.“

Mit Sprengstoffanschlägen und privaten Schlägertrupps wollen weder die gemäßigteren Atombefürworter noch die Gegner etwas zu tun haben. Aber auch aus ihren Reihen sind unmißverständliche Drohungen zu hören. So wecken die Kernenergie-Gegner Erinnerungen an den erbitterten Widerstand gegen die Erschließung des Baugeländes in Kaiseraugst im Jahre 1975, an die wochenlangen Besetzungen und sogar an bürgerkriegsähnliche Zustände, wie sie die Schweiz in den siebziger Jahren beim Kampf der Jurassier um ihre Unabhängigkeit vom Kanton Bern erlebten.

Unterstützt von den bürgerlichen Parteien hat der Kanton Aargau (auf seinem Territorium soll dereinst das Kernkraftwerk Kaiseraugst stehen) erklärt, er wolle „im äußersten Notfall und als letztes Mittel“ auch militärische Truppen beim eidgenössischen Bundesrat anfordern, um den Bau von Kaiseraugst gegen den Widerstand der lokalen Bevölkerung durchzusetzen.