Von Elke Kummer

In Phasen vollkommener Zerstreutheit, die häufig kamen, wenn sie lange mit Max zusammen war, glaubte sie, sie hätte einen vorsprachlichen Zustand erreicht, da doch die Wörter ihre Lust gewesen waren.“ Die Schriftstellerin Luise von Kai, ehemals auf holsteinischen Schlössern ebenso zu Hause wie an kulturpolitischen Stammtischen Berlins, führt ein geradezu ortloses Leben, seit sie den polnisch-jüdischen Emigranten Max Fischer liebt. Er ist Zahnarzt und als Autor literarischer Kriminalromane so erfolgreich, daß er daran denken kann, seine Münchner Praxis aufzugeben und ganz der Schriftstellerei zu leben. Von der Be-geisierung und Ent-täuschung dieser Liebe erzählt das neue Buch von –

Elisabeth Plessen: „Stella Polare“ Roman; S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1984; 312 S., 34,–

Der Ort der Handlung ist ein schönes altes Landhaus in der Toskana. Die Zeit: heutige Tage um das Fest der Liebe, das deutsche Gemüter, was Zusammengehörigkeitsgefühle angeht, immer neu zu erregen imstande ist. Max und Luise feiern im Kreise von Künstlerfreunden, die aus allen Himmelsrichtungen anreisen, in diesem Haus Weihnachten. In einer familienähnlichen Situation, die Max sich wünschte und die Luise in der Rolle der Hausfrau nährt, wachsen sich die Sehnsüchte und Ängste ihrer Liebe, die Spannung zwischen Distanz und Nähe, Selbstbezogenheit und Hingabe – mit denen umzugehen ihr schön in den vergangenen drei Jahren ihres gemeinsamen Münchner Junggesellenlebens, getrennt von Max wohnend, schwerfiel – zur Obsession aus.

In dem Maße wie Max sich in den Trubel der Feste und großen Essen mit seinen „Wahlverwandten“ stürzt, sich von einer Interviewerin für ein Schriftstellerporträt tagelang absorbieren läßt und sich den Flipperschuppen „Stella Polare“ unten im Städtchen Lucca zum heimlichen Schauplatz erwählt, wo ihm beim Videospiel das gerade Erlebte zu einer Figurenkonstellation für seinen neuen Kriminalroman gerinnt, zieht Luise sich von ihm zurück.

Sie hadert mit „seiner Sehnsucht, sich anderen nahezufühlen, sie gleichzeitig an sich zu binden und das Gespinst aus Projektion und Realität wieder aufgeben zu können, so wie er es auch in seinen Büchern machte, in denen er sich eine Gruppe von Leuten erfand und immer eine Person, die sie zerstörte“. Luise lebt zunehmend in Erinnerungen und Reflexionen und stellt nächtens auf einsamen Spaziergängen über die Betrachtung des Polarsterns Rückverbindung her zu ihrer holsteinischen Heimat und Lebensart, deren Schwere „ihr allgemein Boden gab“. Die Fluchten nach Innen erschöpfen sie derart, daß Max schließlich vor ihr flieht, zurück nach München, in seine Arbeit. Luise, in seinem großen Haus nun wirklich allein, unternimmt schreibend den Versuch, ihre Wahrnehmungen zu orten: Das Ergebnis dürfte mit den Hauptinnalten des vorliegenden Buches identisch sein.

So fragwürdig es scheint, die private Konstellation dieser beiden – relativ wenig entfremdet arbeitenden – Figuren zum Gegenstand einer Auseinandersetzung zu machen über die Widerspüche, die sich zwischen Liebe und Arbeit, intimem und öffentlichem Ausdrucksbereich heute auftun, so eignet sie sich doch, von der Diskrepanz zu handel n zwischen den gedachten und tatsächlichen Formen, in denen sich eine intime Gemeinschaft bewegt. Sie hat vor allem den Vorteil, daß dabei Sprache und ihr Zusammenhang mit dem Gelebten zum zentralen Thema wird.