Orwell fürchtete jene, die Bücher verbieten würden. Huxley hatte Angst, daß es gar keinen Grund mehr geben werde, Bücher zu verbieten, weil kein Mensch überhaupt noch eines lesen wollte. Orwell hatte Angst, man würde uns die Wahrheit vorenthalten. Huxley fürchtete, daß die Wahrheit in einem Meer von Belanglosigkeiten untergehen werde. Orwell fürchtete, wir würden alle in permanenter Gefangenschaft enden. Huxley dagegen sah uns zu völlig oberflächlichen Menschen verkommen, die, endlos mit Pseudogefühlchen kokettierend, sich in sinnloser Geschäftigkeit und Trivialitäten schwafelnd im Kreise drehen...

Aus Neil Postmans Rede zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse.

Lessings Schrei, Zadeks Schmerz

„Ich bin noch nie gerne ins Theater gegangen, das muß ich erst mal zugeben. Ich sehe furchtbar wenig Theater. Eigentlich nur, wenn ich muß.“ Nun mußte er einmal: Peter Zadek, Regisseur, derzeit in Hamburg. Ausgerechnet in die Wiedereröffnung des schönen Hauses an der Kirchenallee hat es ihn verschlagen, in Ernst Wendts Inszenierung der „Minna von Barnhelm“. Schon vor der Pause ist Zadek, wie der Kritiker der Süddeutschen Zeitung beobachtete und seinen Lesern meldete, wieder gegangen. Keine aufregende Nachricht und keine für das Theater schändliche: schließlich ist Zadeks notorische Wanderlust bekannt, macht sie doch nicht einmal vor Arbeiten des großen Kollegen Peter Stein halt. Daß Zadek ging, schien also ganz normal und alles andere als ein Affront gegen den Kollegen Wendt zu sein. Doch dann kam der Protest: nicht der Aufführung, sondern eines Magenleidens wegen, teilte Zadek zornig mit, habe er das Theater verlassen müssen. Hat ihm Wendts „Minna“ also gefallen, bevor ihm die Magenkrämpfe den Spaß verdarben? Er wollte wohl nur einfach nicht als Miesmacher dastehen an einem ohnehin schwergeprüften Haus, das derzeit wohl nur noch einer retten kann: Zadek selber. Des Regisseurs Entschuldigung ist menschlich sehr sympathisch. Aber kann sie auch angenommen werden? Dem ZEIT-Feuilleton sind mehrere Personen namentlich bekannt, die beschwören können, der „Minna von Barnhelm“ trotz heftiger Leib-, Kopf- und Seelen-, schmerzen bis zum Ende beigewohnt zu haben – ohne des Arztes zu bedürfen. Fernerhin hat sich das in der Hansestadt umlaufende Gerücht, der angesehene Bürger Gotthold Ephraim L. sei nach Besichtigung der Aufführung jäh verschieden, glücklicherweise als unzutreffend erwiesen.

400mal Otto Wagner

Otto Wagner (1841-1918) war jahrzehntelang ein geschäftstüchtiger Architekt, ein im toskanischen und florentinischen Klassizismus bewanderter Historist – bis ihn Skrupel befielen und er zum ersten bedeutenden Baumeister der Moderne wurde, zum eigentlichen Begründer der Wiener Schule mit Adolf Loos, Josef Hoffmann, Joseph Maria Olbrich. Besucher Wiens begegnen Wagners Werken auf Schritt und Tritt: dem Postsparkassenamt, Wohnhäusern, Bahnhöfen, der Stadtbahn, der Marmorkirche in der Heilanstalt am Steinhof. Die Wiener Akademie am Schillerplatz erinnert jetzt, neunzig Jahre nach der Berufung Otto Wagners; an das Institut, mit einer großen Ausstellung an ihn: mit vierhundert Originalzeichnungen, nicht wenigen Blättern darunter, die zum erstenmal öffentlich gezeigt werden. Die Ausstellung ist bis zum 28. November geöffnet.

Knausriges Börsenblatt

Nach neun Jahren ging es per Telephon: Ruth Binde, Schweizer Korrespondentin des „Deutschen Buchhändler-Börsenblattes“ war dem Branchendienst, der mit jährlich einer Million Gewinn abschließt, zu teuer geworden. Zwar rühmt sich dieser Anzeigendienst, „daß kein anderes Fachorgan der Bundesrepublik so regelmäßig und umfassend über das Geschehen auf dem eidgenössischen Buchmarkt berichtet (und so kompetent sowieso nicht)“, aber das war dem Blatt, das einer Anzeigenplantage gleicht, wenig wert, genauer: DM 150,– Honorar für eine Druckseite und DM 40,– für eine erschienene Meldung – Spesen gar keine. Chefredakteur Dr. Hans-Karl von Kupsch versichert der ZEIT auf Anfrage voll Mannesmut: „Wir haben mit diesen Honorarsätzen bisher keine Probleme gehabt. Eine ‚Kündigung‘ von Frau Binde erfolgte nicht. Frau Binde akzeptierte den Vorschlag der Chefredaktion, sich zu trennen, als im Laufe eines Telephonats wiederholt deutlich wurde, daß man sich über von Frau Binde erbetene Sonderhonorare nicht würde verständigen können.“ Sogar in der durch leichtsinnigen Umgang mit Geld nicht berühmt gewordenen Schweiz mokiert man sich indes: Trotz einiger Interventionen aus der Schweiz – unter anderen setzen sich Adolf Muschg, Otto Böni vom hiesigen Schriftsteller-Verband und der Ex „Tat“-Chefredakteur Erwin Jaeckle für Ruth Binde ein – wurde ihr Name kurzerhand aus dem Impressum genommen. Als neuer Schweizer Korrespondent ist dort jetzt ein „Urs Holzinger, Zürich“ aufgeführt, ein Name, den niemand in der Verlags- und Buchhändlerbranche je gehört hat. Es mag gewichtigere Skandale geben – aber man kann sich auch mit taktlosen, knausrigen Läppischkeiten blamieren. Das tat das Blatt, das die Börse im Titel führt.