Der Mai versprach viel. Doch der September war zu naß. Und jetzt fürchten die Winzer den ersten Nachthost.

Aus den deutschen Weinbaugebieten, vor allem von Rhein und Mosel, erreichen uns Schreckensmeldungen: Die Reben haben das Stadium der Reife nicht erreicht, sie sind „um mindestens zwei Wochen zurück“. Das Geschrei ist groß. Auch Winzer sind Bauern und geübt darin, Alarm zu schlagen. Natürlich suchen sie nach Wegen, noch auf ihre Kosten zu kommen.

Tatsache ist, daß der nasse September den Trauben, die im Mai noch so viel versprachen, gar nicht gut getan hat. Der Riesling-Saft hätte, heute geerntet, kaum über dreißig Grad Öchsle; mehr als das Doppelte brauchte er, damit ein guter Wein daraus werden kann. Die Beeren fangen an zu faulen. Und so willkommen Fäule bei reifen Trauben ist – da heißt sie dann auch Edelfäule –, so schädlich ist sie vorher. Von einzelnen Beeren aus wird die ganze Traube infiziert und fällt einfach vom Stock. Wehe dem sparsamen Winzer, der sie dennoch zu retten versuchte und sie bei der Lese vom Boden aufsammeln ließe. Der Most geriete ihm sauer.

Tatsache ist auch: Wenn schon Ende Oktober Nachtfrost einsetzte, wäre die Ernte nicht des großen Aufwands wert. Viel Arbeit fände dann nur wenig Lohn. Zumindest für die edelsten deutschen Reben gälte das, für den Riesling an den steilen Uferhängen der Mittelmosel, der Saar, der Ruwer und des Rheingaus.

Also wären doch diejenigen gut beraten gewesen, die auf ehemaligen Kartoffeläckern und Obstplantagen Wein gepflanzt haben, frühreife, saftstrotzende Züchtungen vom Typ des noch immer unübertroffenen Müller-Thurgau

Sie werden ihre Fässer vollkriegen. Was jedoch kein reiner Segen sein dürfte. Denn zum einen sind ja viele Fässer noch voll von den großen Ernten 1982 und 1983. Und zum anderen wird dieser 84er Müller-Thurgau-Tafelwein ohne Prädikat so gut wie unverkäuflich sein. Da hilft kein Zuckern, und da helfen keine Tricks mit Chemikalien und Verschnitten. Diese Art so eben noch bis kaum mehr trinkbarer, leicht alkoholhaltiger Flüssigkeit können sonnenreichere Länder billiger und besser produzieren. Der Jammer ist, daß dieses Gesöff, unter blumigen Namen in Pappkartons auf Supermärkten scheinbar preiswert verschleudert, auch Anspruch darauf erhebt, „deutscher Wein“ genannt zu werden.

Daran hat das deutsche Weingesetz von 1971 viel Schuld. Welcher Laie vermag denn noch zu begreifen, daß ein „Qualitätswein“ ein Wein minderer Qualität ist, wenn wir ihn mit einem „Kabinettswein“ vergleichen? Früher wußte man: „Erdener Treppchen, naturrein“ – das ist eine gute Lage, und der Wein ist Zauber.