Die Briten und der Umweltschutz

K ennst du das Land, wo die Zitronen blühn, im dunkeln Laub die Goldorangen glühn...“ dichtete Goethe vor bald zweihundert Jahren. Seither blicken die Länder des Nordens neidvoll auf die von der Natur so reichlich mit Sonnenschein verwöhnten Südeuropäer. In jüngerer Zeit hingegen schielen die Nationen am Rande Europas mit einem gewissen Mißvergnügen nach Deutschland, dem die Natur eine so günstige geographische Lage für den Handel mit seinen kontinentalen Nachbarn beschert hat.

Wie kann Großbritannien, weder ein Land der Mitte noch des Sonnenscheins, da mithalten? Die Antwort: Mit seinen kurzen, schnellfließenden Flüssen und den rasanten Gezeitenströmungen, die die Insel umspülen, behauptet man hier. Denn diese können ohne schwerwiegende Folgen ein Ausmaß industrieller Abwässereinleitungen verkraften, das zum Beispiel am Rhein zu einer fatalen Umweltverschmutzung führen würde.

Mit diesem Argument jedenfalls zog Großbritannien in einer der erbittersten Auseinandersetzungen in der jüngeren Geschichte der Europäischen Gemeinschaft gegen seine neun Partnerstaaten zu Felde – und fand sich einmal mehr in der Rolle des widerspenstigen Außenseiters wieder. Es ging damals um die Gemeinschaftsbestimmung 76/464 zur Reinhaltung der Gewässer.

In einer eingehenden Analyse des vorausgegangenen Gerangels ist Nigel Haigh, der Direktor des Londoner Instituts für europäische Umweltpolitik (IEEP), in einem kürzlich erschienenen Buch zu Ergebnissen gekommen, die das unausgereifte Verhältnis Großbritanniens zu seinen Nachbarn auf dem Kontinent beispielhaft beleuchten.

Als Haigh sich an die Arbeit machte, teilte er die weitverbreitete – auch im Londoner Umweltministerium vorherrschende – Meinung, daß Gemeinschaftsbestimmungen, wenn überhaupt, so nur einen sehr geringfügigen Einfluß auf die althergebrachte britische Umweltpolitik ausgeübt haben. Im Verlaufe seiner Untersuchung stellte er dann aber fest, daß sich, ganz im Gegenteil, seit dem britischen EG-Beitritt „unser Denken über Umweltfragen, dessen gesetzgeberische Formulierung und letztlich auch seine Umsetzung in die Praxis ganz wesentlich gewandelt haben“.

Die Resultate der langwierigen Verhandlungen über die Gewässerreinhaltung könnten daher als überzeugender Beweis für die „Funktionsfähigkeit des im internationalen Rahmen einzigartigen Mechanismus der Gemeinschaft“ gelten. Denn die bis ins letzte Jahrhundert zurückreichende Umweltgesetzgebung der Briten habe erst durch den neuen Impetus vom Kontinent die notwendige Stoßkraft entwickelt. Haigh zitiert einen hohen britischen Beamten, der die Entwicklung im Rückblick so zusammenfaßt: „Der durch die Gemeinschaft ausgeübte Druck hat uns dazu gezwungen, endlich ein kohärentes System des Gewässerschutzes auszuarbeiten.“