Von Ernst Weisenfeld

Vielleicht wird man bald die neue Arbeit von Alfred Grosser zu den Büchern rechnen, mit denen Frankreich in diesen Jahren seine Selbstkritik und Selbstbesinnung betrieben hat, und dies auf allen Gebieten: Industrie, Wirtschaft, Gesellschaft, zentralistische Staatsverfassung, Verhaltensweisen aller Art... Diesmal geht es um den „Rang“, Frankreichs Anspruch auf einen Platz in der Welt, der ihm eine „Mission“ zuerkennt, einen „Dienst an der Menschheit“ bescheinigt.

„Und wenn in Wirklichkeit das Prestige der Nation zum Wert an sich wird, vielleicht sogar der einzige ist, der den Rang begründen soll?“ Die Frage ist am Schluß mit aller Deutlichkeit gestellt. Aber der Moralist Grosser verleugnet sich auch in keinem anderen der zehn Kapitel des Buchs, in dem übersichtlich, detailliert, in großer Dichte und immer auch wertend über die letzten 40 Jahre französischer Außenpolitik berichtet wird:

Alfred Grosser: „Affaires Exterieures, La politique de la France 1944/84“; Flammarion, Paris 1984; 360 S., 88 FF.

Stand diese Politik immer im Einklang mit ihren Möglichkeiten? Hatte sie Augenmaß? Der erste Regierungschef Frankreichs nach dem Krieg, General de Gaulle, hatte sich das Ziel gesetzt, „die politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit der Nation zu verteidigen und Frankreich in seiner Stärke, seiner Größe und seiner universalen Mission wiederherzustellen“. Eine Zielsetzung, deren Pathos noch verständlich war, als es darum ging, die Nation aus dem Erlebnis des Zusammenbruchs und aus dem Opportunismus und der Korruption der Besatzungstatut herauszureißen. Sie wurde aber erneut beschworen, als der General nach zwölfjähriger Entfernung von den Staatsgeschäften 1958 das Steuer wieder übernahm.

„Und wer würde selbst heute noch der Formel zu widersprechen wagen?“ fragt Grosser. Ihm erscheint, das wird bald deutlich, die vielgeschmähte Außenpolitik der IV. Republik oft realistischer, jedenfalls sieht er in den Anfängen ihrer Europa-Politik „den größtmöglichen Erfolg jeder Außenpolitik: die äußeren Zwänge wurden in schöpferischen Neubeginn verwandelt“. Das schaffte Robert Schuman, als er „sich dem Zwang unterwarf, dem neuen deutschen Staat die Gleichberechtigung zuzuerkennen“.

Wir erfahren, daß der große Wurf und die zügige Verwirklichung der ersten Phase der Europapolitik einen innerpolitischen Preis harte. In der Partei der Volksrepublikaner, der französischen Spielart der Democrazia Cristiana, waren auch viele Kolonialinteressen vertreten: Man ließ Schuman in Europa gewähren, damit er in Übersee nicht das reaktionäre Spiel verdarb. Und dann gab’s in dieser Partei noch die gaullistische Strömung. Hat der ihr damals noch zuzurechnende Außenminister Bidault in der entscheidenden Phase des Indochinakriegs die USA zum Einsatz der Atombombe zu bewegen versucht? Der Historiker Grosser läßt die Frage im dunkeln, obwohl Bidault selbst die Verhandlung um die „Operation Vautour“ so gedeutet hat. Nur seine um Frankreichs Ruf besorgten Mitarbeiter behaupten, er hätte das „nicht ernst gemeint“. Alfred Grosser wird hier eine Meinung haben, aber er fand wohl keine solide Quelle, um das zu tun, was er sonst so gern und auch diesmal oft genug tut: gegen den nationalen Konsens anschreiben. Und dazu gehört in Frankreich Mut.