Die zweite Fernsehdebatte zwischen Reagan und Mondale – am kommenden Sonntag zu Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik – wirft ihre Schatten voraus.

Wenn der Demokrat Walter Mondale im zweiten Duell so gut wie im ersten abschneidet, könnte er eine unglaubliche Wende vielleicht doch noch herbeiführen, meinen viele seiner Anhänger. „Reagan müßte schon hinter seinem Pult zusammenbrechen“, erklären dagegen die Skeptiker unter Mondales Anhängern. Der Präsident hat sich erholt und hämmert bei Wahlkundgebungen munter auf seinen Herausforderer ein: Einen Gebrauchtwagenhändler nennt er Mondale, der seine ältesten Modelle als neue Politik anpreise.

Die Stimmung im Lager des demokratischen Präsidentschaftskandidaten ist gut. Der Erfolg der ersten Fernsehdebatte hat sich in ungewöhnlichem Zulauf zu Mondales Wahlkampfauftritten in Detroit und Madison niedergeschlagen. Im großen Bundesstaat New York sei der Vorsprung von 14 auf vier Prozentpunkte zusammengeschrumpft, meldete die New York Daily News. Etwas Pfeffer ist in den Wahlkampf gekommen – gepfeffert Persönliches auch. Vizepräsident Bush, der in der Fernsendebatte mit Geraldine Ferraro die Rolle des getreuen Eckehardts für seinen Herrn und Meister Ronald Reagan theatralisch überzog, ab erfahrener Diplomat und Politiker aber besser Diplomat ab die sich trocken und spröde gebende Vizepräsidentschaftskandida- tin, wähnte sich im Sportler-Milieu, als er sich, brüstete mit dem Bemühen „to kick a little ass“ (einen kleinen Hintern zu treten). Ein Mikrophon schnappte die private Bemerkung auf. Die Demokraten verlangen jetzt eine Entschuldigung, die Bush aber bisher nicht über die Lippen gekommen ist.

Seit Mondales Debattenerfolg kam der Präsident nicht mehr selbstherrlich seinen Herausforderer ignorieren. Auch Mondale hat seine vornehme Zurückhaltung abgestreift und greift den Präsidenten persönlich an: Er habe die Wahrzeichen für einen dritten Bombenanschlag in Beirut mißachtet. Reagan, der Oberbefehlshaber der Streitkräfte, habe noch im zweiten Amtsjahr geglaubt, Atomraketen könne man nach dem Abschuß zurückbeordern,

In St. Louis erklärte Mondale den 15. Oktober zum „Tag des Giftmülls“. Er inspizierte eine Giftmüllhalde, aus der seit 20 Jahren über 200 Tonnen atomverseuchter Abfall Menschen und Umgebung bedrohen. Drei Tage vor dem Besuch des Präsidentschaftskandidaten hat die Regierung Reagan hastig einen Aufräumungsplan verkündet. Mondale greift ihn deswegen scharf an und erhält Beifall, vor einer Bürgerversammlung in einer High School nahe der Giftmüllhalde. Wütende Proteste aber gegen Mondale bei den älteren Schülern; auch hier zeigt sich ein bemerkenswertes Phänomen dieses Wahlkampfes: Unter den 18- bis 24jährigen greift Reagan-Begeisterung um sich. Warum? Die Antworten sind fast überall gleich: Reagan bedeutet Jobs und Aufstiegschancen – Ronald Reagan, der Landesvater, sagt, daß Amerika großartig und „das Leben gut ist“.

Ulrich Schiller (Washington)