Von Carl-Christian Kaiser

Peking, im Oktober

Wenn er überhaupt noch Zweifel an der Notwendigkeit eines verstärkten Studentenaustauschs gehegt hätte, so verkündet Helmut Kohl vor Journalisten, dann wären sie durch den gerade absolvierten Besuch an der Pekinger Beida-Universität zerstreut worden. Die jungen Leute dort: so viel Optimismus, Sympathie und Zuneigung, eine große Chance für Deutschland.

Wie der Kanzler nach einer knappen Visite zu einer derart umfassenden Diagnose kommen konnte, bleibt freilich sein Geheimnis. Aber das ist nicht so wichtig. Gleich allen politischen Routiniers genügt auch Helmut Kohl ein kurzer Augenschein, um ihn flugs zum Beweis für die Richtigkeit einer Botschaft zu nutzen, an der ihm liegt: Bei den deutsch-chinesischen Beziehungen geht es ihm nicht nur um Wirtschaft und Technik, sondern auch, und eigentlich vor allem, um Kultur und Geisteswissenschaften. Die lange Tradition dieser Beziehungen, die gegenseitige Hochachtung vor den kulturellen und zivilisatorischen Leistungen des einen wie des anderen Volkes schafft für ihn jenseits aller unterschiedlichen Ideologie die „emotionale Verwurzelung“ und am Ende eine „Gemeinsamkeit im Menschlichen“ als wichtigste Grundlage der Zusammenarbeit.

Kohls chinesische Gastgeber hörten sich die Botschaft freundlich an. Gewiß war es ein kluger Rat, in einem der ältesten Kulturländer der Welt nicht nur von Ökonomie und Technologie zu sprechen. Gleichwohl bleiben Zweifel. Die jungen Chinesen, die im westlichen Ausland studieren, werfen sich auf die Naturwissenschaften und die Medizin, kaum auf Philosophie, Literatur oder Geschichte. Sie wollen dem Westen vor allem die technischen Kniffe absehen. Und wer ein wenig nachhört, der spürt einige Reserve vor der modernen westlichen Kultur, an der ihnen wohl manches als geradezu dekadent erscheint.

Aber auch das ist nicht so wichtig, jedenfalls nicht für Helmut Kohl. Denn wenn er von emotionalen Wurzeln und menschlicher Gemeinsamkeit spricht, so ist das immer auch ein Versuch, persönliche Brücken zu schlagen. Helmut Kohl braucht solche Brücken, zumal auf fremdem Territorium; kühle Distanz, knochentrockene Abstraktion sind ihm so zuwider, daß seine Talente zu verdorren drohen.

In der Volksrepublik China hatte er damit keinen Kummer. Im Gegenteil: Bei der Äquidistanz, die China gegenüber den Großmächten Amerika und Sowjetunion, auch gegenüber Japan zu halten versucht, ist die Mittelmacht Bundesrepublik hochwillkommen – nicht zu groß, aber ein technologisch-wirtschaftliches Schwergewicht, gerade richtig als Partner bei der Öffnungspolitik gegenüber westlichen Wirtschaftsprinzipien. Und der Zeitpunkt des Kanzlerbesuchs hätte nicht günstiger liegen können: Er fand statt in einem Augenblick, in dem die chinesische Führung die auf dem Lande begonnene Lockerung der staatlichen Gängelei auf die Städte auszudehnen beginnt.