Von Christian Graf von Krokow

Wenn man die alten und angesehenen deutschen Verlage aufzählt, dann darf im ersten Rang das Haus Piper in München nicht fehlen. In nobler Distanz zum bloß Opportunen, Modischen oder Sensationellen hat es sich dieses Ansehen über die Jahre, Jahrzehnte hin in stetiger Arbeit erworben, ein Kapital ganz eigener und kostbarer Art. Darum war ich bisher stolz darauf, mich zu den Autoren des Hauses zählen zu können. Wie denn nicht, wenn man zu Mitautoren wie Karl Jaspers, Hannah Arendt, Leszek Kolakowski aufblicken darf! Aber auf einmal scheint alles zusammenzustürzen; aus dem Stolz wird Ratlosigkeit, blanke Wut, Scham beim Blättern im neuesten Piper-Produkt:

Werner Hilgemann: „Atlas zur deutschen Zeitgeschichte 1918-1968“; Piper Verlag, München 1984; 208 S., 48,– DM.

Den Anfang machen Wilsons „14 Punkte“ in ihrem Kontrast zu den „Ausstrahlungen der deutschen Volkskraft im Weltkriege“. Diese Heldenkraft erlag am Ende freilich einer „Umzingelung, in der nicht nur die bewaffnete Macht, sondern das ganze Volk strategisch, politisch, wirtschaftlich und moralisch erwürgt wurde“. Es folgen „der Dolchstoß“ und „der große Betrug von Versailles“. Kein Wort dagegen zu den Kriegsursachen oder zur Kriegsverlängerung im verblendeten Beharren auf dem „Siegfrieden“. Oder dazu, daß inzwischen ausgerechnet der „große Betrug“ zum „Rechtsstandpunkt“ avancierte, sofern vom fiktiven Fortbestand des Deutschen Reiches „in den Grenzen von 1937“ die Rede ist.

Und so geht das fort und fort. Zur Gründung des tschechoslowakischen Staates liest man: „‚Wer Böhmen hält, hält Europa‘, sagte Bismarck. Wenn aus dem Inneren Böhmens das Tschechentum sich erhob, wurde Böhmen durch seine Stellung in der Mitte des Erdteils zur größten Gefahr für Deutschland. Mit der Bildung des tschechoslowakischen Staates, der sich einzig und allein auf die Widerstandskraft und Selbständigkeit Böhmens stützt, hat Frankreich nunmehr Böhmen zu einer tief in deutsches Gebiet vorspringenden, hochgerüsteten Bastion ausgebaut,die von drei Seiten das Reich, von der vierten Österreich bedroht.“ Eine Zeichnung mit Angriffspfeilen aus der Festung Böhmen heraus auf die Nachbarn macht anschaulich, was der Text sagt. Da ist der Leser dann zureichend vorbereitet auf das, was vermutlich in Notwehr im März 1939 geschah.

Später, zum Titel „Die Vorbereitung des Krieges“ sieht man dann konsequent genug eine Karte, auf der Böhmen und Mähren als „altes deutsches Kulturland, rund 1000 Jahre unter deutscher Herrschaft“ eingezeichnet sind, wie das Elsaß und Lothringen, Posen, Westpreußen und noch etliches mehr als „abgetrennte oder vorenthaltene Kulturgebiete“ der Deutschen.

Was’ überhaupt läßt sich gegen Hitlers Großdeutsches Reich noch einwenden? Vieles: Reichsnährstand und Reichserbhofgesetz erbringen nicht, was sie proklamieren; mit dem Bau der Autobahnen wird die Arbeitslosigkeit nur geringfügig vermindert; die Modernisierung der Industrie bleibt unzureichend; die Baukunst erreicht „eine an Größenwahnsinn grenzende Monumentalität“. Und nicht zu vergessen: Es gab Konzentrationslager. Nur muß man die Dinge in ihren richtigen Dimensionen sehen: