Von Werner Klose

Niemand hatte derart viele „Schwarzhörer“, und zwar aller Fakultäten, wie Alfred Heuß. Als der junge Professor 1949 in Kiel die römische Geschichte darstellte, faszinierte uns Studenten die streitbare Bildhaftigkeit seines Vortrags. Sie ist dem heute 75jährigen Ordinarius für Alte Geschichte auch geblieben, wenn er sein Fachgebiet verläßt und in die erbitterten Grabenkämpfe der Zeithistoriker eingreift:

Alfred Heuß: „Versagen und Verhängnis. Vom Ruin deutscher Geschichte und ihres Verständnisses“; Siedler Verlag, Berlin 1984; 214 S., 34,– DM.

Schon auf Seite 7 droht er dem Leser: „Die Schrift enthält eine Menge Polemik.“ Sie gilt im Text und verstreut über die Anmerkungen den Zeithistorikern, dem akademischen Lehrbetrieb, den rebellischen Studenten, den feigen Bildungspolitikern und Kultusbeamten, den ideologisierten Geschichtslehrern. Reiz, Erkenntniswert und Irritation dieser Streitschrift bestehen darin, daß ein großer Historiker in wütender Trauer die politische Bilanz seines Lebens zieht, das zurückreicht in das erste Jahrzehnt dieses Jahrhunderts. Geboren in Sachsen, Student in Leipzig, Dozent in Königsberg, Ordinarius in Breslau: man muß diesen autobiographischen Hintergrund des Autors kennen, um seine Klagen und Anklagen zu verstehen.

Heuß wirft den Bürgern der Bundesrepublik vor, daß sie nicht wissen, wann und wo sie leben. Das ist für ihn ein Bildungsproblem. Denn Bildung hat die Aufgabe, „den Menschen in seiner Wirklichkeit heimisch zu machen“, doch „allgemeine Orientierung“ in einer Kultur ist ohne geschichtliches Wissen nicht möglich. Brachte früher das altsprachliche Gymnasium ein „Gefühl für Zeitdimensionen“, kommt heute das Gros der Geschichtsstudenten „ohne alle geschichtlichen Vorkenntnisse auf die Universität und verläßt sie auch ohne sie .. .“. Im Abitur sieht Heuß nur noch einen „unsinnigen Punktesammlungsapparat“, und der verfrühten Spezialisierung dort folgt die immer engere Spezialisierung des Seminarbetriebs der Hochschulen. Er tritt berechtigt für die großen Überblicksvorlesungen ein, deren Schwächen er kennt, aber „die personale Verbindung eines objektiven Stoffes mit einem lebendigen Menschen“ hatte Heuß selbst beispielhaft vorgelebt.

Obwohl er dabei zwei Generationen von Geschichtslehrern ausbildete, diffamiert er pauschal die „Didaktik“, die nur ein überflüssiges Produkt der Frankfurter Schule zum Zwecke neomarxistischer Indoktrination sei. Später wird deutlich, warum er kritische Theorie historischen Materialismus und Strukturalismus in der Didaktik derart undifferenziert angreift. Er wirft ihnen die Mitschuld an der Zerstörung des deutschen Geschichtsbewußtseins vor, nachdem die deutsche Geschichte ohnehin von der Reichsgründung 1871 bis zur Katastrophe des Zweiten Weltkrieges mit „Defektivität“ belastet war: „Deutschlands Ursprung ist nicht der Schutthaufen von 1945.“ Der Althistoriker verwahrt sich gegen jene Scheinlogik, die Geschichte vom Ende her als unvermeidlichen Ablauf im Sinne ideologischer Vorgaben erklärt, also vernebelt: „Es ist noch lange nicht heraus, was 1945 wirklich passierte, denn der Zeiten Fluß hat es noch nicht freigegeben“

Hier scheint der große Althistoriker aus der Erfahrung seines Faches die unbefangen entdeckende Analyse der Quellen zu fordern, doch im Kapitel „Einiges zu Hitler und dem Dritten Reich“ geht er extrem subjektiv mit Fakten und Interpretationen um. Mit Leidenschaft will Heuß als Patriot dem deutschen Volk die deutsche Geschichte in der Kontinuität von 2000 Jahren retten. Er will das Geschichtsbewußtsein der Geschichtslehrer und der jungen Generationen stabilisieren, indem er ablehnt, die deutsche Geschichte nur von Hitler her zu deuten. Dieser Ansatz ist richtig, und man erinnert sich an die Mahnung des Bundespräsidenten Gustav Heinemann, der mit Nachdruck auf Traditionen der Geschichte verwies, die auch in Deutschland zur Demokratie geführt haben könnten. Daß es nicht so kam, erklärt Heuß fatalistisch mit Zufall und Verhängnis. Indem Hitler seine „Landsberger Sudeleien“ in politische Praxis umsetzte, kam es zur „Herrschaft eines Monomanen“, und dieser „Auswurf der Weltgeschichte“ trieb Europa in eine „Verstrickung“, in der es nur noch darauf ankam, „zur rechten Zeit ein einzelnes Individuum wie einen tollen Hund abzuknallen“. Das ist eine in Grenzen verständliche Reaktion des Althistorikers auf die Entpersonalisierung der Geschichte durch die historisierende Soziologie. Aber wer Hitler so einseitig dämonisiert, greift auf die vorwissenschaftliche Diskussion der deutschen Schuldproblematik nach 1945 zurück.