Von Michael Krüger

Ein Bildnis des Dichters als erfolgloser Mensch: "Oft behandelten Marios Fabeln die Enttäuschung, die jedes menschliche Werk begleitet. Vielleicht wollte er sich darüber trösten, daß er selber dem Leben fernblieb, indem er sich sagte: Daß ich nichts versuche, ist gut, denn so bleibt mir der Mißerfolg erspart."

Als aber dann doch einer kommt und ihm das Blaue vom Himmel herunter verspricht, nämlich ein Vertreter des berühmten Westermann-Verlages in Wien, da ist der Angestellte Mario, der bislang nur für die Schublade schrieb, Feuer und Flamme und träumt vom großen Ruhm.

Aus der angeblich jedes Werk begleitenden Enttäuschung, die geradezu die Bedingung eines Werkes ist, entsteht maßlose Freude, die Mario dazu verführt, einen enormen Kredit auf die zu erwartenden Honorare zu nehmen, um sich und seinem kranken Bruder ein angenehmeres Leben zu ermöglichen. Doch der Herr Verlagsvertreter war nur ein gedungener Spitzbube, der Mario im Auftrag eines persönlichen Feindes demütigen sollte; der Roman bleibt in der Schublade. Inzwischen war allerdings der Krieg ausgebrochen, und Mario, bonum durch malum, macht durch den Verfall der Wechselkurse mit seinem aufgenommenen Kredit ein unverhofftes Vermögen.

"Ein gelungener Scherz" heißt dieses Lehrstück über das Glück in der Welt, über das man freilich dann nicht mehr so recht lachen mag, wenn man weiß, daß in es viele leidvolle Erfahrungen seines Autors eingeflossen sind. Denn dieser gehörte zu seinen Lebzeiten zu den wahrhaft Verkannten, trotz dreier Romane, mehrerer Theaterstücke, vieler Erzählungen und Essays, die aus der an Kafka erinnernden Übung, "täglich zu kritzeln", weil "außerhalb der Feder kein Heil" ist, entstanden waren. So ist es eine gelungene Überraschung, wenn jetzt eine große Werkausgabe angekündigt wird.

Vielleicht kann diese sorgfältig zusammengestellte und übersetzte, mit Vor- und Nachwort, einer nützlichen Bibliographie und einem genauen biographischen Abriß versehene Ausgabe das Rätsel lösen helfen, warum dieser große Triestiner Dichter der Auflösung durch detaillierteste Analyse auch heute noch nicht in dem Umfang und mit der Leidenschaft gelesen wird, wie es seinem erstaunlichen Werk zukommt. Der Anteil der deutschen (und vor allem der österreichischen) Stimmen zu seinen Büchern ist dürftig (und sieht noch dürftiger aus, wenn in der Bibliographie Hans Benders liebevolle Edition der "Sentimentalen Reise" bei Reclam unterschlagen wird) und steht in keinem Verhältnis zu den Anstrengungen, mit denen andere Autoren des untergehenden Habsburger Kaiserreiches wiederentdeckt wurden.

An Italo Svevo selber jedenfalls sollte es nicht liegen. Er wurde als Hector Aron Schmitz, genannt Ettore, 1861 in Triest geboren (die Familie des Vaters stammte von einer jüdischen Familie aus dem Rheinland, die der Mutter aus dem Friaul), besuchte dort eine israelitische Grundschule, später eine Handelsschule, bevor er von 1873-77 auf ein Internat in Segnitz bei Würzburg kam, wo der junge Mann die deutsche Literatur kennenlernte: vor allem Jean Paul, von dem er die Ironie lernte, und Schopenhauer, der später einer seiner Hausgötter werden sollte, waren seine bevorzugte Lektüre. Er arbeitete zunächst in der Firma des Vaters, später des Schwiegervaters, und begann unter dem Namen Italo Svevo seine literarischen und journalistischen Arbeiten zu publizieren: in der Hauptsache die drei völlig erfolglosen Romane "Una Vita", "Senilità" und schließlich das Meisterwerk "La coscienza die Zeno", das von dem Iren James Joyce, dazumal Sprachlehrer in Triest, dem Franzosen Valery Larbaud empfohlen wurde, was drei Jahre vor dem Tod des inzwischen vierundsechzigjährigen Autors endlich zu einer bescheidenen Anerkennung führte – nun auch in Italien, wo der junge Eugenio Montale 1925 seinen bahnbrechenden Aufsatz "Omaggio a Italo Svevo" veröffentlichte.