Schulreform in der UdSSR (II)

Von Marianna Butenschön

Wir diskutieren über die Schulreform“, hieß Anfang des Jahres zehn Wochen lang die populärste Rubrik sowjetischer Zeitungen und Zeitschriften. An Überschriften wie „Die Reform geht alle an“, „Die Reform – das sind wir“ oder „Auf den Wegen der Reform“ muß sich halten, wer sich heute über die grundlegenden Veränderungen informieren will, die seit Beginn des Schuljahres 1984/85 am 1. September unter der praktischen Anleitung von Politbüromitglied Michail Gorbatschow im sowjetischen Bildungswesen durchgeführt werden.

Seit das Zentralkomitee der KPdSU am 4. Januar seinen „Entwurf“ über „Richtlinien zur Reform der Allgemein- und berufsbildenden Schule“ vorgelegt hat, die in einer „Volksaussprache“ intensiv und kontrovers diskutiert und Anfang April als Gesetz verabschiedet wurden, ist der Strom der Leser-, Hörer- und Zuschauerbriefe in den Redaktionsstuben nicht abgerissen. Auch Umfragen zu Einzelaspekten der Schulreform werden gemacht.

Eine davon förderte eine bemerkenswerte Dissonanz zutage. Moskauer Soziologen wollten im Auftrag der Zeitung Sowjetskaja Rossija herausfinden, wie die Sowjetbürger über die Beruflich-technischen Schulen (PTU) denken, die neben einer beruflichen Ausbildung auch die „mittlere Bildung“, das sowjetische Abitur, vermitteln und in Zukunft den größten Teil der „Aussteiger“ aus der allgemeinbildenden Mittelschule aufnehmen sollen.

Die Befragten, eine repräsentative Gruppe von Arbeitern, Angestellten, Kolchosbauern und Angehörigen der wissenschaftlich-technischen Intelligenz, stimmten dieser Zielsetzung zu 76 Prozent zu. Doch auf die Frage, ob sie auch ihre eigenen Kinder in eine „Pe-te-uschka“, wie der Volksmund die PTU eher abwertend nennt, schicken würden, antworteten nur 38 Prozent der Befragten positiv, während 41 Prozent sich mit der Antwort schwertaten.

Die Sowjetskaja Rossija kommentierte das enttäuschende Ergebnis mit dem Hinweis, daß bei einer ähnlichen Umfrage vor vier Jahren nur 14 Prozent der Eltern den Sohn oder die Tochter auf eine beruflich-technische Schule geben wollten, weshalb deren Ansehen sich wohl doch gebessert haben müßte.