ZEIT: Nach dem härtesten Streik in der Geschichte der Bundesrepublik scheint der Friede am Arbeitsplatz immer noch nicht gesichert zu sein. Warum gibt es erneut eine öffentliche Auseinandersetzung über den Arbeitszeit-Kompromiß – den sogenannten Leber-Plan – in der Metallindustrie?

Kirchner: Wir wehren uns – wie ich glaube mit gutem Recht – dagegen, daß die IG Metall versucht, in den Betrieben eine generelle Einführung der 38,5-Stunden-Woche durchzusetzen und daß die Flexibilisierung der Arbeitszeit dabei auf der Strecke bleibt. Schließlich war das ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Wir haben die Arbeitszeitverkürzung akzeptiert und die Gewerkschaft die Flexibilisierung. Das Verhalten der IG Metall ist einfach unfair und vertragswidrig.

ZEIT: In letzter Zeit gab es aber Äußerungen der IG Metall, die dafür sprechen, daß sie sich an den Vertrag halten will und den Krieg nicht in den Betrieben mit anderen Mitteln fortzusetzen gedenkt.

Kirchner: Das ist eine Reaktion darauf, daß wir die Vertragstreue angemahnt haben. Das Schulungsmaterial für die Betriebsräte, das die IG Metall-Spitze herausgegeben hat, ist aber darauf angelegt, überall in den Betrieben generell die 38,5-Stunden-Woche für alle durchzusetzen. Und Hans Janßen, der Tarifexperte der IG Metall, hat dann die Katze aus dem Sack gelassen, indem er die Parole ausgab: In je mehr Betrieben die 38,5-Stunden-Woche generell durchgesetzt werde, desto stärker sei die Kampfkraft der IG Metall bei der Auseinandersetzung um eine weitere Verkürzung der Arbeitszeit.

ZEIT: Und was geschieht nun wirklich in den Betrieben? Die Erfahrung lehrt doch, daß die Betriebsräte oft viel pragmatischer handeln, als es einigen Ideologen in den Gewerkschaftsorganisationen recht ist.

Kirchner: Die Gewerkschaftsspitze hat auf unsere Einwände hin ja auch schon eingelenkt und erklärt, wenn betriebliche Bedürfnisse nachgewiesen werden, dann kann es auch zu einer Flexibilisierung kommen. Man werde dann von der generellen Arbeitszeitverkürzung abweichen. Die Firmen werden ihre betrieblichen Erfordernisse geltend machen. Wir meinen, daß man den Betriebsleitungen und den Betriebsräten jetzt freie Hand lassen soll. Die Betriebsräte sind Manns genug, den Tarifvertrag entsprechend umzusetzen.

ZEIT: Es wird sich bald zeigen, ob sich die Betriebsräte überhaupt gängeln lassen. Es gab in letzter Zeit immer wieder Beispiele, die zeigen, daß die Betriebsräte in erster Linie die Interessen der Mitarbeiter und der Unternehmen zu wahren wissen.