Von Ota Filip

Einem im Westen nicht bekannten Lyriker, dazu noch slawischer Muttersprache, kann – ironisch übertrieben – nichts Schlimmeres passieren, als daß er den Nobelpreis für Literatur bekommt. Seit dem Augenblick, da die ehrwürdige Jury in Stockholm ihre Entscheidung verkündet, ist so ein Lyriker, bisher tief, sicher glücklich in den slawischen Sprachräumen verwurzelt, westlichen Reportern, Kulturjournalisten, Verlegern und Übersetzern ausgeliefert.

Das ist der Fall des ersten tschechischen Nobelpreisträgers Jaroslav Seifert. Als bekannt wurde, der dreiundachtzigjährige Mann habe den Nobelpreis erhalten, riefen mich sechs bundesdeutsche Verleger an, die unbedingt Seiferts Anschrift in Prag wissen wollten und nebenbei auch „ganz schnell einige Titel seiner Bücher, die Ihnen im Moment einfallen“. Dann meldete sich ein Dutzend bundesdeutscher Kulturjournalisten am Telephon. Ihre Wünsche waren im Vergleich mit jenen der Verleger bescheidener. „Herr Filip, wie schreibt man eigentlich den Namen Seifert?“ fragten sie und waren manchmal sogar ein bißchen enttäuscht, als ich antwortete: „Genau wie deutsch.“ Doch ist Jaroslav Seifert ein Prager und ein Tscheche, wie man in Böhmen zu sagen pflegt, „wie aus Holz geschnitten“.

Dann hörte ich den ganzen letzten Donnerstagnachmittag bis spät in die Nacht alles, was in Rundfunk und Fernsehen über Jaroslav Seifert, den großen Unbekannten, zu hören war, und am nächsten Tag las ich fast alles, was über ihn geschrieben und gedruckt wurde. Die Meinungen, die über den großartigsten tschechischen Lyriker hier verbreitet wurden, entsprachen ziemlich genau dem Zustand von Unkenntnis, den bundesdeutsche Kulturjournalisten gelegentlich auch sonst verraten, wenn von osteuropäischer Literatur die Rede ist.

Ich sage es ungern, denn ich habe viele Gründe dafür, diese Tatsache zu verschweigen: Die sachlichste, wenn auch ziemlich unterkühlte und versteckte Information über den Nobelpreisträger aus Prag veröffentlichten am Donnerstag und am Freitag die tschechoslowakischen Massenmedien. Sie erwähnten die Tatsache, daß der erste tschechische Dichter den Nobelpreis erhielt, mit einigen Zeilen, und die offizielle Presseagentur CTK brachte in ihrem ausländischen Dienst einen zensierten Lebenslauf des Dichters. Trotzdem ein Fortschritt, denn von 1970 bis 1980 durfte Jaroslav Seifert in seinem Heimatland nicht publizieren, nicht einmal erwähnt werden. Er zählte zu den verdammten und verbotenen Menschen.

Von den heute in Prag zugelassenen Autoren eilte als erster der Dichter Jan Pilar (Direktor des Prager Verlags) an Seiferts Krankenbett. Er war einer der wenigen Genossen, die den Mut hatten, nach einer zehnjährigen Verbannung aus der tschechischen Literatur wieder Werke von Jaroslav Seifert (immerhin Mit-Unterzeichner der Charta 77) zu publizieren. Die Genossen Schriftsteller vom Präsidium des Verbandes aber blieben bisher Seiferts Krankenbett fern. Vielleicht schämen sie sich, wahrscheinlich sind sie jetzt verunsichert. Meine Vermutung: Klusaks Kulturministerium und vielleicht auch einige Genossen in der Abteilung für Kultur des ZK der KP möchten wohl still und vorsichtig neben Jaroslav Seifert oder Jan Skacel auch einige der anderen seit 1970 verdammten Dichter rehabilitieren. Aber in den führenden Ämtern des Schriftstellerverbandes und der staatlichen Verlage sitzen heute die Gegner einer solchen Rehabilitierung. Sie, die sich seit Jahren gegenseitig mit Titeln wie „Verdienter und Nationaler Künstler der ČSSR“ auszeichnen, fürchten zu Recht jedes neue Buch von Jaroslav Seifert oder Jan Skacel, denn die Unterschiede zwischen den parteiergebenen Autoren und wahren Dichtern werden immer offensichtlicher.

Wie immer, wenn ein Slawe den Nobelpreis für Literatur erhält, versuchte man hierzulande den großen Lyriker in die Ecke zu drängen, wo es von talentierten und auch menschlich hochgeschätzten Dissidenten nur so wimmelt. Jaroslav Seiferts bürgerliche Tapferkeit, seine wahren Heldentaten, wurden genau und zu Recht aufgezählt; aber als es zum heiklen Punkt kam, nämlich zum Nobelpreis, ersparte sich so mancher bundesdeutsche Kulturjournalist nicht den Seufzer: Naja, man wollte endlich einmal auch die Tschechoslowakei berücksichtigen – denn nie zuvor hat ein Bürger jenes Landes den Nobelpreis für Literatur erhalten. Der Nobelpreis für Literatur an Jaroslav Seifert aus Mitleid mit den geplagten Tschechen und der Ausgewogenheit wegen. Ich habe stets das deutsche Wort „Ausgewogenheit“ gemieden, jetzt beginne ich, es zu hassen.