Von Jes Rau

Wer sagt da noch, Walter Mondale sei nicht eloquent, charmant und humorvoll? Sein bravouröses Auftreten bei der TV-Debatte mit Ronald Reagan hat manche Zweifel – selbst eingefleischter Demokraten – an der Statur Mondales ausgeräumt. Die Meinungsumfragen zeigen allerdings, daß es dem demokratischen Team bislang nicht gelungen ist, die Zustimmung der breiten Bevölkerung zu erwerben. Mag sein, daß die Amerikaner sich nicht aus der Verzauberung durch den „großen Kommunikator“ Ronald Reagan lösen können. Mag aber auch sein, daß Mondale und Ferraro mit der Zielrichtung ihres Wahlkampfes danebenliegen.

Das „gemischte Doppel“ der Demokraten führt einen an den Verstand appellierenden, problembezogenen Wahlkampf. Mondale und Ferraro reden von den Gefahren, die ihrer Meinung nach von den hohen Haushaltsdefiziten der Bundesregierung in Washington ausgehen, von den honen Zinsen. Sie verteidigen das Recht der Alten auf ungekürzte Renten und Gesundheitsfürsorge, sie brandmarken die zunehmende Verseuchung der Umwelt. Sie setzen sich für die Bürgerrechte der Minoritäten ein und versprechen, der Diskriminierung der Frauen ein Ende zu setzen. Kein Problem lassen sie unerwähnt.

Der klassenkämpferische Ton, der ihre Argumentation durchzieht, erinnert an die Attacken von Franklin D. Roosevelt auf die „engstirnigen“ Reichen: „Sie hassen mich. Und ihr Haß ist mir willkommen“, sagte Roosevelt einmal.

Sein geistiger Enkel, Walter Mondale, drückt sich ähnlich aus. Für ihn ist Reagan ein Mann, der „Steuererleichterungen in Millionenhöhe an Millionäre verteilt und dafür dem kleinen Mann eins reinhaut.“ Ein anderer Kernsatz von ihm lautet: „Das Herz der Republikanischen Partei ist die Börse an der Wall Street, ihre Seele ist der Country Club.“ Dies ist die traditionelle Sprache demokratischer Politiker im Industriezeitalter, die darauf abzielt, eine Große Koalition der sich benachteiligt Fühlenden und Unzufriedenen zusammenzutrommeln.

Die Frage ist, ob diese Sprache noch ankommt im „post-industriellen Zeitalter“. Die unverminderte Popularität von Ronald Reagan spricht dagegen. „Amerika lehnt die Politiker ab, die uns entzweien wollen, indem sie Mißgunst und Neid säen“, verkündet Ronald Reagan bei jeder sich bietenden Gelegenheit. „Amerika wehrt sich gegen eine höhere Steuerbelastung. Amerika braucht mehr high technology, damit wir unsere Industrie modernisieren können. Wir brauchen höhere Netto-Einkommen, mehr Investitionen, mehr Innovation und mehr Arbeitsplätze.“

Reagans Wahlkampf besteht im wesentlichen im Absingen der Nationalhymne auf Veranstaltungen, bei denen die farbenprächtigen Luftballons so pünktlich und optimistisch in die Luft gehen wie auf Volkskundgebungen im Ostblock. Im übrigen redet Reagan davon, daß die Amerikaner glorreichen Zeiten entgegengehen, in denen die Wirtschaft wächst und wächst.