Von George Steiner

Selbst Paris hatte Pech. Die Verleihung des goldenen Apfels brachte ihm selber den Tod und Troja den Untergang. Wo Preise verliehen werden, sind Irrtümer nie ausgeschlossen. Nicht selten entscheidet sich die Unsterblichkeit für jene, denen solche Preise vorenthalten blieben: für den salon des refuses, in dem die Meister des Impressionismus ihre von offizieller Seite abgelehnten und belächelten Bilder ausstellten. Auf der Höhe seiner Schaffenskraft mußte Schönberg zur Kenntnis nehmen, daß er für ein Guggenheim-Stipendium nicht in Frage kam. Und der ehrenwerte Herr, der verhinderte, daß Einstein die Möglickeit zu wissenschaftlicher Arbeit in der Schweiz erhielt, schied vor gar nicht langer Zeit in Frieden dahin.

Was die Literatur betrifft, so gibt es keinen objektiven Maßstab zur Beurteilung ihrer Bedeutung. Balzac war überzeugt, daß Ann Radcliffe mit ihren finsteren Hervorbringungen besser schreiben konnte, als der von ihm bewunderte Stendhal. Tolstoi, der erste und, außer Sartre – der es ihm 1964 gleichtat –, einzige Schriftsteller, der den Preis aus freien Stücken zurückwies, empfand Shakespeares „König Lear“ als chaotischen Unsinn, der „keiner ernsthaften Kritik würdig“ sei. Kein ästhetisches Urteil ist beweisbar – auch das über die Größten nicht. Die Ansicht, daß Mozart ein zweitklassiger Komponist war oder daß die Gemälde Rosa Bonheurs die eines Cézanne eines Tages in den Schatten stellen werden, läßt sich durchaus vertreten. Die Notierungen an der Börse des Geschmacks und des Ansehens waren von jeher wilden Schwankungen ausgesetzt. Übereinstimmungen, die Epochen überdauern, sind eher statistischer Natur. Heere erlauchter Geister haben in Homer, Dante oder Shakespeare investiert. Die profundeste Lyrik der westlichen Literatur freilich und zugleich diejenige, die am deutlichsten neue Wege aufzeigt, steht bis heute auf keinem Wahlzettel und wird vielleicht nie darauf stehen: das Werk von Paul Celan. Warum auch sollte es je ein Mehrheitsvotum für Einsichten geben?

Es versteht sich von selbst, daß das Komitee für Literatur der Schwedischen Akademie weder in seiner Zusammensetzung noch in seiner Vorgehensweise demokratisch ist. Der Kreis der hohen Mandarine von Stockholm zeichnet sich durch ausgeprägt patriarchische und familiäre Züge aus. Er bezieht seine Würde aus einem gewissen Clan-Bewußtsein. Nach außen hin unterscheidet sich die Wahl der Preisträger nicht von der in den naturwissenschaftlichen Bereichen. Preisträger, bekannte Kritiker, Literaturwissenschaftler und selbst bedeutende Verleger werden eingeladen, Vorschläge zu machen. Aber wo es um Literatur geht, hat das Urteil stets etwas Subjektives, Willkürliches, Ideologisches. Daraus folgt, daß die tatsächliche Verleihung des Literaturpreises – anders als die der Preise auf dem Sektor der Naturwissenschaft – allemal eine Aura des Geheimnisses und zugleich der Gerüchte umgibt. Kein Außenseiter weiß wirklich, welchen Schacher, welche Launen und Begünstigungen, welche haarbreiten Mehrheiten und balkendicken Scheinheiligkeiten sich seit 1901 Jahr für Jahr an jenem Oktober-Nachmittag oder -Abend, an dem die Preisfrage verkündet wird, zum Jubel verdichten. Äußerst selten nur dringt etwas von den internen Streitereien und wechselseitigen Verdächtigungen, wie sie im Zusammenhang mit der Verleihung des an die Öffentlichkeit. Üblicherweise umgibt man den Preis mit einer Aura von Zeremoniell und milder Selbstverständlichkeit.

Das Problem ist, daß die Entscheidungen der Schwedischen Akademie in bezug auf den Nobelpreis für Literatur stets einigermaßen willkürlich waren und allzu oft eine Provokation für die kritische Intelligenz darstellten. Da es keine literarische Rangordnung gibt, die sich objektiv beweisen oder widerlegen ließe, und da Geschmack und Ruhm mit der radikalen, privaten Entwicklung des Genialen niemals schritthalten können, waren Irrtum, Fehlurteil und verspätete Anerkennung von Anbeginn unvermeidlich. Doch selbst dann, wenn man dies alles berücksichtigt, nimmt sich das Resultat der „Wohltätigkeit Schwedens“ (von der Yeats in aller Aufrichtigkeit sprach, als er 1923 den Nobelpreis entgegennahm) dürftig aus.

Schon die allererste Entscheidung war bedenklich genug. Name und Dichtung von Sully Prudhomme lassen bereits jenes salbungsvolle Gehabe, jene offizielle Neigung zum Seichten erahnen, die sich die Preisrichter so oft zueigen machten. Indessen, Prudhomme stellt noch keineswegs den absoluten Tiefpunkt dar.

Selbst Spezialisten der Geschichte moderner Literatur werden sich schwertun, wenn sie nach den Namen oder gar den Werken von strahlenden Fixsternen am Himmel der Literatur gefragt werden wie Rudolf Eucken, einem 1908 preisgekrönten Philosophen, wie den dänischen Romancier Henrik Pontoppidan (1917) oder wie Grazia Deledda, die – eine der sehr wenigen weiblichen Preisträger – 1926 erwählt wurde.