Wie Hans-Dietrich Genscher schneller, als von Feind und Freund erwartet, aus der Talsohle fand

Von Rolf Zundel

Bonn, im Oktober

Hans-Dietrich Genscher hat wieder zu sich selber gefunden", so beschreibt einer seiner Wegbegleiter die jüngste Wandlung des FDP-Vorsitzenden. Zu sich selber? Ein großes Wort, ein zu großes vielleicht für Politiker. Jedenfalls, manche Züge des alten Genscher sind wieder sichtbar. Wo immer er in den letzten Wochen auftrat, ob auf Pressekonferenzen, in außenpolitischer Mission oder in Parteigremien – ihm erwuchs daraus erkennbar Vergnügen und auch einiger politischer Gewinn. Seine Auftritte erzeugen wieder jene Bugwelle fröhlicher, manchmal etwas atemloser Geschäftigkeit, wie man das aus besseren Zeiten kannte.

Ein Witz aus seinem unerschöpflichen Fundus, um die Journalisten vor der Pressekonferenz einzustimmen; Vertraulichkeiten, die einnehmen, ohne etwas preiszugeben; eine knallharte, kühl kalkulierte Intervention im Kreis der Außenminister in Luxemburg, die den EG-Haushaltsberatungen aus der Sackgasse hilft; ein gut gelauntes, dröhnendes "Guten Morgen" für das FDP-Präsidium, nachdem er kurz nach sechs aufgestanden, geschwommen, die Nachrichtenlage genau gemustert und einen Journalisten zum Frühstück empfangen hatte. Der Motor läuft wieder rund, die Funktionslust ist unübersehbar.

Das seltsame Phänomen Genscher beginnt wieder Freund und Feind zu beschäftigen, vor allem Partei- und Koalitionsfreunde. Ein ehemaliger Wendegegner findet, Genscher habe sich wie Münchnausen am eigenen Zopf aus dem Sumpf gezogen. Von Sozialdemokraten gibt es privat anerkennende Äußerungen über manche Aspekte seiner Außenpolitik, und er darf auch im Bundestag, als einziger Minister der Koalition, hie und da auf Beifall von der Opposition rechnen.

In der Unionsführung zeigt sich einiges Stirnrunzeln, im Kanzleramt wird warnend der Zeigefinger erhoben: Genscher sei offenbar auf dem FDP-Trip, aber er solle nicht vergessen, daß die Liberalen auf Stimmen aus dem Unionspotential angewiesen seien. Und in der CSU vollends mischt sich widerwillige Anerkennung für die ausgepichte Professionalität Genschers mit böse grummelndem Zorn über diese "Koalitionseiche", die für das Wohlbefinden der Union viel zu lange Schatten wirft.