Von Edith Zundel

Über Carl Rogers zu schreiben, ist auf eine merkwürdige Weise schwierig. Nicht, weil es wenig über ihn zu sagen gäbe, sondern weil er selber fast alles über sich gesagt hat. Kein anderer Psychologe hat so viel von sich mitgeteilt. Sein Leben liegt da wie ein offenes Buch, leicht zu lesen, so scheint es, für jedermann – als amerikanische Erfolgsstory, als Geschichte einer persönlichen Entwicklung (früher nannte man das ein erfülltes Leben), als Folge von Stichworten für Zeitströmungen. Es ist geschrieben in jener Einfachheit, die oberflächliche Leser manchmal an Reader’s Digest erinnert, nachdenkliche zuweilen an ein Kunstwerk von vertrackter Simplizität.

Offenheit – notwendige und zugleich unendlich schwierige Voraussetzung jeder wirklichen Begegnung – ist in der Tat der Ausgangspunkt aller praktischen Psychologie bei Rogers, vielleicht seine wichtigste Botschaft. Und damit verschwistert (denn sonst würde Offenheit unerträglich) Vertrauen – Vertrauen, daß diese Offenheit, auf welchen gefährlichen Umwegen auch immer, positive Veränderung ermöglicht. Altmodisch ausgedrückt: Rogers glaubt an das Gute im Menschen. „Im allgemeinen“, so beschrieb er einmal seine Erwartung zu Beginn der Arbeit mit einer großen Gruppe, „habe ich keine Vorstellung davon, was passiert. Aber ich habe das Gefühl: Was auch passieren wird – es wird richtig sein.“ Am ersten Tag beäugen sich die 120 Teilnehmer des Seminars noch verlegen und bemühen sich dann, zu einer Einigung zu kommen: Ob es sinnvoll sei, in der großen Gruppe miteinander zu arbeiten oder in kleinen, und wann das eine oder das andere stattfinden könne. Die Leiter der Kleingruppen stellen sich vor, „Facititators“ werden sie genannt; der Name ist ein Programm (und nützliche Utopie): Sie sollen den Gruppenprozeß nicht leiten, sondern erleichtern.

Ein namhafter Professor ist dabei, Psychologen, ein Bewährungshelfer, eine Erzieherin; eine ganze Reihe davon ohne formale Ausbildung in Gruppenarbeit; in La Jolla gewesen zu sein, dem Centre for Studies of the Person in Kalifornien, ist wichtig. Unter den Teilnehmern sind Theologen und Schüler, Ärzte und Hausfrauen, Psychologen, Journalisten, viele begeisterte Rogerianer.

Und da ist der „Magnet“, Carl Rogers: freundliches Lächeln, schmales Gesicht, schmale Hände, ein Mann, beinahe ebenso alt wie das Jahrhundert. Eine Mitarbeiterin, ungefähr halb so alt, sagt neidvoll: „Ich wollte, ich hätte seine Arbeitskraft“. Das Du ist obligatorisch in der Gruppe, auch für „Carl“.

Am nächsten Tag ist das Plenum alles andere als friedlich. Die Organisatoren werden beschimpft: zu teuer, zu schlechte Unterbringung. Damit verquickt sich der Streit unter den Statthaltern aus Hamburg, Bonn oder sonstwoher, um die wahre Lehre, um die wahre Rogershumanität, die jeder für sich gepachtet hat. Als es dem alten Herrn zu viel wird, verläßt er schlicht den Raum. Am dritten Tag badet das Plenum in Tränen.

Am Ende der zehn Tage aber haben viele das Gefühl, in einem „humanistischen Gottesdienst“ zu sein. Die Teilnehmer hören aufeinander, lassen auch gelten, was nicht den eigenen Anschauungen entspricht; einer, den seine Kleingruppe ausgeschlossen hatte, weil sie ihn unerträglich fand, kann sich rehabilitieren. Die Teilnehmer sind dabei aktiv und neugierig: Wie die „Facilitators“ untereinander zurechtgekommen seien, wollen sie wissen. Und die Gruppenleiter, o Wunder, bekennen sich offen zu ihren Schwierigkeiten, was die Teilnehmer wiederum ermuntert, diese lösen zu helfen. „Personal Power“ nennt Rogers das. Auf Deutsch heißt der Buchtitel – nicht zufällig – „Die Kraft des Guten“.