Von Edith Zundel

Über Carl Rogers zu schreiben, ist auf eine merkwürdige Weise schwierig. Nicht, weil es wenig über ihn zu sagen gäbe, sondern weil er selber fast alles über sich gesagt hat. Kein anderer Psychologe hat so viel von sich mitgeteilt. Sein Leben liegt da wie ein offenes Buch, leicht zu lesen, so scheint es, für jedermann – als amerikanische Erfolgsstory, als Geschichte einer persönlichen Entwicklung (früher nannte man das ein erfülltes Leben), als Folge von Stichworten für Zeitströmungen. Es ist geschrieben in jener Einfachheit, die oberflächliche Leser manchmal an Reader’s Digest erinnert, nachdenkliche zuweilen an ein Kunstwerk von vertrackter Simplizität.

Offenheit – notwendige und zugleich unendlich schwierige Voraussetzung jeder wirklichen Begegnung – ist in der Tat der Ausgangspunkt aller praktischen Psychologie bei Rogers, vielleicht seine wichtigste Botschaft. Und damit verschwistert (denn sonst würde Offenheit unerträglich) Vertrauen – Vertrauen, daß diese Offenheit, auf welchen gefährlichen Umwegen auch immer, positive Veränderung ermöglicht. Altmodisch ausgedrückt: Rogers glaubt an das Gute im Menschen. "Im allgemeinen", so beschrieb er einmal seine Erwartung zu Beginn der Arbeit mit einer großen Gruppe, "habe ich keine Vorstellung davon, was passiert. Aber ich habe das Gefühl: Was auch passieren wird – es wird richtig sein." Am ersten Tag beäugen sich die 120 Teilnehmer des Seminars noch verlegen und bemühen sich dann, zu einer Einigung zu kommen: Ob es sinnvoll sei, in der großen Gruppe miteinander zu arbeiten oder in kleinen, und wann das eine oder das andere stattfinden könne. Die Leiter der Kleingruppen stellen sich vor, "Facititators" werden sie genannt; der Name ist ein Programm (und nützliche Utopie): Sie sollen den Gruppenprozeß nicht leiten, sondern erleichtern.

Ein namhafter Professor ist dabei, Psychologen, ein Bewährungshelfer, eine Erzieherin; eine ganze Reihe davon ohne formale Ausbildung in Gruppenarbeit; in La Jolla gewesen zu sein, dem Centre for Studies of the Person in Kalifornien, ist wichtig. Unter den Teilnehmern sind Theologen und Schüler, Ärzte und Hausfrauen, Psychologen, Journalisten, viele begeisterte Rogerianer.

Und da ist der "Magnet", Carl Rogers: freundliches Lächeln, schmales Gesicht, schmale Hände, ein Mann, beinahe ebenso alt wie das Jahrhundert. Eine Mitarbeiterin, ungefähr halb so alt, sagt neidvoll: "Ich wollte, ich hätte seine Arbeitskraft". Das Du ist obligatorisch in der Gruppe, auch für "Carl".

Am nächsten Tag ist das Plenum alles andere als friedlich. Die Organisatoren werden beschimpft: zu teuer, zu schlechte Unterbringung. Damit verquickt sich der Streit unter den Statthaltern aus Hamburg, Bonn oder sonstwoher, um die wahre Lehre, um die wahre Rogershumanität, die jeder für sich gepachtet hat. Als es dem alten Herrn zu viel wird, verläßt er schlicht den Raum. Am dritten Tag badet das Plenum in Tränen.

Am Ende der zehn Tage aber haben viele das Gefühl, in einem "humanistischen Gottesdienst" zu sein. Die Teilnehmer hören aufeinander, lassen auch gelten, was nicht den eigenen Anschauungen entspricht; einer, den seine Kleingruppe ausgeschlossen hatte, weil sie ihn unerträglich fand, kann sich rehabilitieren. Die Teilnehmer sind dabei aktiv und neugierig: Wie die "Facilitators" untereinander zurechtgekommen seien, wollen sie wissen. Und die Gruppenleiter, o Wunder, bekennen sich offen zu ihren Schwierigkeiten, was die Teilnehmer wiederum ermuntert, diese lösen zu helfen. "Personal Power" nennt Rogers das. Auf Deutsch heißt der Buchtitel – nicht zufällig – "Die Kraft des Guten".

Was liegt dazwischen? Viele Gruppenstunden natürlich, aber vor allem die Erfahrung mit diesem Menschen, der auf erstaunliche Weise lebt, was er propagiert. Da mag eine Bemerkung noch so verworren und verquer sein, er faßt sie in seinen Worten zusammen, und das Gesagte wird auf einmal klar und wichtig. Auf Ambivalentes und Kritik hört er besonders genau. Frappierender noch als Rogers’ Art zuzuhören, ist jedoch seine Fähigkeit, sich selber mitzuteilen. "I would like to share with you" beginnt er, und dann erzählt der alte Herr ohne Scheu und auch auf das Risiko hin, mißverstanden zu werden, sehr Persönliches aus der Vergangenheit und Gegenwart, bekennt sich zu politischen und religiösen Überzeugungen, die durchaus nicht nach jedermanns Geschmack sind und bringt dadurch viele in der Gruppe dazu, dieses Vertrauen mit ähnlicher Offenheit zu honorieren. Das Erstaunlichste aber ist der unerschütterliche Glaube dieses Altmeisters der humanistischen Psychologie, daß Menschen sich positiv entwickeln, wenn man sie nur läßt, selbst in einem verrückten Plenum.

Angefangen hat das alles ganz anders. Rogers entstammt einer wohlhabenden Familie aus dem mittleren Westen der USA; der Vater war Bauunternehmer. Er wurde zusammen mit vier Brüdern und einer Schwester in protestantisch-calvinistischer Arbeitsethik erzogen. Gefühle waren in dieser Familie nicht gefragt, Offenheit riskant. "Mutter war die Person, der man besser nichts erzählte." Carl war ein schwächliches, sensibles Kind, aber unter den robusten, ständig neckenden Geschwistern mußte der kleine Träumer sich durchsetzen lernen. Früh wurde ihm auch der Sinn fürs Geschäftliche beigebracht: Man übertrug ihm die Sorge für die Hünner, und in seinen ersten Schuljahren erwarb er sein Taschengeld durch den Verkauf von Eiern an seine Mutter und die Nachbarn.

Die Familie zog eigens aufs Land, um die Kinder vor den Gefahren der Stadt zu bewahren. Erzogen wurde nach dem Grundsatz: "Andere Leute benehmen sich etwas zweifelhaft, spielen Karten, gehen ins Kino, rauchen, tanzen, trinken und tun noch anderes, über das man besser nicht redet. Wahrscheinlich wissen sie es nicht anders, man muß da tolerant sein, aber sich nicht zu sehr mit ihnen einlassen und sein Leben in der Familie leben." Während der ganzen Grundschulzeit habe diese unterschwellige Arroganz sein Verhalten geprägt, gesteht Carl Rogers. Ganz perfekter Christ freilich konnte man laut Mutter Rogers auch in der Familie nicht werden, irgendwie sündig blieb man immer.

Eine Klassenkameradin erinnert sich an den kleinen Carl: ein schüchterner, wenig geselliger Junge, der sich lieber in seinen Büchern vergrub und in seiner Traumwelt lebte als sich auf dem Sportplatz zu produzieren. Noch von seiner Adoleszenz sagt Rogers selbst: "Meine Phantasien in dieser Zeit waren entschieden bizarr und wahrscheinlich hätte man mich als schizoid diagnostiziert. Glücklicherweise kam ich nie in Kontakt mit einem Psychologen." Erst als er während seiner Studienzeit das Mädchen aus seiner Klasse wiedertraf, entdeckte er, daß man sich Gedanken, Träume, Gefühle gegenseitig mitteilen kann; es entstand "die erste wirklich liebevolle, enge und offene Beziehung" seines Lebens. Das Mädchen wurde seine Frau, und die beiden haben eine lange, nicht immer einfache Ehe geführt.

Natürlich war er immer ein ausgezeichneter Schüler. "Er war nie zufrieden, wenn er nicht ganz vorn war und deprimiert, wenn er nicht lauter Einsen hatte", erinnert sich ein Bruder. Den Abenteuer- und Indianergeschichten seiner Kindheit folgten bald Bücher über landwirtschaftliche Experimente, die er mit seinen beiden jüngeren Brüdern umgehend in die Tat umsetzte. Die Bücher waren ihm wichtig, fragen mochte er nie. "Ich habe damals kaum rebelliert, aber ich wollte immer eigenständig sein."

Um Landwirtschaft zu studieren, zog er dann aufs College. Soziale Kontakte fand er im YMCA (Christlicher Verein junger Männer), lernte dort diskutieren und Verbandsarbeit und wurde Mitglied einer Delegation, die sechs Monate China bereiste. Auf dieser Reise ist er erwachsen geworden, sicherer, unabhängiger auch von den religiösen Vorstellungen seiner Eltern, bereiter, für das Leben selbst verantwortlich zu sein. Obwohl Rogers dieses Erwachsenwerden als "stille Emanzipation" schildert – eitel Harmonie herrschte nicht immer. "Im Grunde ihres Herzens waren Carl und Mutter Billy-Graham-Typen", erinnert sich ein Bruder, es gab immer Feuerwerk zwischen ihnen.

Für den Geschmack seiner Familie viel zu früh heiratete Carl Rogers mit 22 Jahren und siedelte mit seiner Frau nach New York über, um Theologie zu studieren. Aber auch dabei hielt es ihn nicht lange. "Wichtig ist nicht das Glaubensbekenntnis", fand er, "sondern der Mensch. Meine Ansichten hatten sich schon jetzt ungeheuer verändert, und diese Veränderung war ja vermutlich nicht zu Ende; es schien mir entsetzlich, mich zeit meines Lebens zu denselben Glaubenssätzen bekennen zu müssen, damit ich in meinem Beruf bleiben konnte." Er wechselte wieder, diesmal endgültig, zur Pädagogischen Hochschule mit den Schwerpunkten klinische Psychologie und Pädagogik. Er bekam ein Stipendium bei einer Erziehungsberatungsstelle in New York und trug auch sogleich seinen ersten Konflikt mit den Psychiatern aus: Er boxte für sich dasselbe Gehalt durch, das sie bekamen, obwohl für Psychologen nur die Hälfte vorgesehen war.

Erziehungsberatung war damals neu, die Ausbildung dafür an dem New Yorker Institut sehr gut. "Wir machten damals routinemäßig siebzig bis achtzig Seiten lange Fallstudien", erzählt Rogers, und beschreibt die Philosophie des Instituts als "eklektischen Freudianismus". Ob ihn Freud wirklich interessierte, bleibt fraglich. Jedenfalls gehört er zu den wenigen modernen Psychologen, die ohne intensive Auseinandersetzung mit dem Begründer der Psychoanalyse ihre eigene Lehre aufbauten. In seiner Doktorarbeit verband er Statistik, wie es an der Hochschule gefordert wurde, mit seiner Erfahrung in der Erziehungsberatung: Er entwickelte einen Persönlichkeitstest für Kinder.

Fast wäre diese Doktorarbeit nie fertig geworden. 1928 bekam er eine feste Anstellung an der Erziehungsberatungsstelle (Child Study Department) in Rochester, ein Jahr später war er Direktor der psychologischen Abteilung und blieb es bis 1939. Sechs- bis siebenhundert Kinder wurden in dieser Beratungsstelle jährlich vorgestellt und Rogers arbeitete eng mit Sozialarbeitern und Psychologen, Psychiatern und Soziologen, mit Pflege- und Erziehungsheimen und nicht zuletzt mit der Justiz zusammen. Es war wohl seine intensivste Lehrzeit.

Wie er es in New York gelernt hatte, begann er mit Diagnosen und Behandlungsplänen, vor allem aber war er, der Pragmatiker, am Ergebnis der Behandlung interessiert. Bei der Behandlung stand für ihn zunächst die Veränderung der Umgebung im Vordergrund. Für Problemfamilien forderte er damals soziale Planung und Kontrolle – Vorstellungen, die recht nahe bei der Skinnerschen Verhaltenstherapie liegen, die er später so vehement bekämpfte. Immerhin fand er schon damals, daß Kinder sich in einer verständnisvollen Umgebung quasi von selbst gut entwickeln: "Eine günstige Umgebung erlaubt dem Kind, gesund zu sein."

Was die direkte Therapie anging, so experimentierte er mit allen möglichen Formen. Und an allen fand er Mängel, auch an der Psychoanalyse. Sie schien ihm zu teuer, zu zeitaufwendig, nicht genügend auf die augenblickliche Situation des Kindes bezogen und vor allem zu wenig wissenschaftlich überprüft. Gegen Ende der Rochesterjahre stieß er auf die Psychotherapie Ranks, eines Freudschülers. Dessen Methode, sich bei der Beratung nicht direkt einzumischen, sondern sich auf die eigene Wachstumstendenz des Individuums zu verlassen und Ranks Definition der therapeutischen Beziehung als wachstumsfördernde Umgebung – das leuchtete ihm ein. Vor allem aber lernte er durch Praxis.

Häufig erzählt er von einer Schlüsselerfahrung mit einer intelligenten Frau, Mutter eines mongoloiden Kindes, der er in vielen Gesprächen vergeblich klarzumachen versucht hatte, daß ihr Kind nur wenig bildungsfähig und auf lange Sicht wahrscheinlich besser in einem Heim unterzubringen sei. Er beendete diese Gespräche schließlich mit dem Bekenntnis, sie seien kein rechter Erfolg gewesen. Die Frau bestätigte das, verabschiedete sich und drehte sich an der Tür noch einmal um: "Nehmen Sie auch Erwachsene zur Beratung?" Als Rogers bejahte, begann ein wirkliches Gespräch. Die ganze Misere ihrer Ehe und ihres unbefriedigten Lebens brach aus der Frau heraus, und damit begann eine sehr erfolgreiche Therapie.

Mit alledem machte Rogers von sich reden, hielt Vorträge, bekam Lehraufträge, arbeitete in Verbänden, bestand den Kampf um die Leitung des Beratungszentrums, bislang selbstverständlich als Domäne der Psychiater angesehen. Er schrieb auch ein Buch über seine Erfahrungen, das ihm einen Ruf an die Ohio State University als Ordinarius einbrachte – ein Verfahren, das er warm empfiehlt. Sich den Weg dahin an der Universität erbuckeln zu müssen, meint er, verderbe nicht nur den Charakter, sondern auch alle Lust und Fähigkeit zu Kreativem.

Und kreativ ist er. In der Folge formuliert er seine eigene Theorie, die konsequent mit der Vorstellung aufräumt, der Berater wisse alles am besten. Im Mittelpunkt steht der Klient. Seine Gefühle sind wichtiger als abstrakte Erkenntnisse, das Gegenwärtige wichtiger als das Vergangene, sein Wachsen und Reifen als ganzer Mensch wichtiger als ein isoliertes Problem. Und vor allem hat der Klient das Recht, seine Lebensziele und die Wege dahin selbst zu wählen, und er kann das auch, nachdem er zu einer gewissen Einsicht in sich selbst gekommen ist.

Zum ersten Mal in der Therapiegeschichte veröffentlichte Rogers auch eine vollständige Therapie Wort für Wort nach Tonbandprotokollen, und vielleicht sind diese sorgfältig analysierten und reflektierten Protokolle sein wichtigster Beitrag: Er hat Therapie entmystifiziert, kontrollier- und lehrbar gemacht.

Entscheidend für das Gelingen einer Therapie ist danach, daß ein Therapeut drei Dinge leistet:

Erstens muß er sich präzis und sensibel in die Welt des Klienten und dessen Bezugssystem einfühlen; er muß gewissermaßen "in den Schuhen des Klienten" gehen lernen und auch mitteilen können, daß er ihn begreift;

zweitens muß er lernen, den Klienten frei von Beurteilung und Bewertung zu akzeptieren und drittens, das ist am schwersten, muß er dabei echt sein, das heißt, sich nicht nur in die Gefühle des Klienten hineinversetzen, sondern auch seine eigenen wahrnehmen, akzeptieren und unter Umständen aussprechen – etwa so: "Ich fühle mich im Augenblick gelangweilt" oder "Ich habe im Augenblick Angst vor Ihnen, Angst vor dem, was Sie mir antun könnten." Eigene Offenheit ist der Königsweg zur Überwindung von Barrieren beim anderen.

Einer der ersten Rogersschüler schreibt dazu: "Rogers hat die nondirektive Beratung so klar beschrieben, daß man der Illusion erliegt, sie sei ganz einfach. Und dann fängt man praktisch an. Ein falsches Wort da und dort... man ist versucht, zu interpretieren ... nichts scheint so schwierig, daß man es mit mehr Übung nicht korrigieren könnte ... aber diese anscheinend kleinen Fehler und die hölzernen Reaktionen halten sich hartnäckig. Dann dämmert es langsam: Wenn man die Technik gut machen will, muß sie von Herzen kommen. Und dann bringt man sich fast damit um, permissiv und akzeptierend zu sein. Und immer noch kommen diese lästigen Fragen der Klienten: Wie sie weitermachen sollen, wie sie sich verhalten sollen ... Und dann fragt man sich: Hat man ein Recht, die Klienten hilflos zu lassen, wenn man ihnen den Weg nach draußen zeigen könnte? ... Und hier geht es durchs Nadelöhr ... Keiner kann es einem abnehmen, sich rigoros selbst zu prüfen und die eigenen Einstellungen zu ändern. Glaubst Du wirklich, daß alle Leute kreative Fähigkeiten in sich, haben? Daß jeder eine einzigartige Persönlichkeit ist und diese nur selbst entwickeln kann? Oder glaubst Du doch eher, daß einige Leute wertlos sind und andere schwach und daß man sie leiten und lehren muß, klüger und stärker zu werden? Man beginnt zu begreifen, daß man hier nichts halbherzig tun kann, daß diese Art der Beratung die äußerste und umfassendste Konsequenz fordert. Wo Akzeptieren das Beratungswerkzeug ist, wird nicht weniger als die ganze Person gefordert. Und selbst zu wachsen ist die größte Forderung von allen."

Wieviel Mut das Vertrauen in die Kräfte des Klienten fordert, zeigt folgender Therapieausschnitt:

Klientin: Ich hab’ das noch nie jemand gesagt – gedacht hab’ ich’s schon lange – es ist schrecklich zu sagen, wenn ich nur etwas Großes fände, für das ich mein Leben geben könnte, wäre ich glücklich. Wahrscheinlich habe ich nicht den Schneid – oder die Kraft – mich umzubringen – und wenn irgendwer diese Verantwortung übernähme – oder wenn es ein Unfall wäre – ich – ich – will einfach nicht mehr leben.

Therapeutin: Im Augenblick sieht alles so schwarz aus, daß Sie nicht viel Sinn darin sehen, zu leben –

Klientin: Ja – ich wollte, ich hätte diese Therapie nie angefangen. Ich war glücklich in meiner Traumwelt. Da war ich so, wie ich sein wollte. Aber jetzt – es ist so ein riesiger Unterschied zwischen meinem Ideal und – wie ich wirklich bin. Ich wollte, die Leute haßten mich, ich versuche, sie dazu zu bringen. Weil ich dann die Schuld auf sie schieben könnte – aber nein – es ist alles in meiner Hand – mein Leben – und entweder ich finde mich damit ab, daß ich absolut wertlos bin – oder ich bekämpfe, was mich in diesem schrecklichen Konflikt hält. Und wenn ich akzeptiere, daß an mir nichts liegt, könnte ich vermutlich weggehen – irgendwo ein Zimmer nehmen – einen mechanischen Job irgendwo – und mich in meine Traumwelt zurückziehen, wo ich alles machen könnte, kluge Freunde hätte, eine fabelhafte Person wäre – Therapeutin: Es ist ein harter Kampf – so hineinzugraben, wie Sie’s tun – und manchmal kommt Ihnen Ihre Traumwelt viel attraktiver und bequemer vor.

Klientin: Ja. (Lange Pause; veränderte Stimme). Deshalb ist es sinnlos, Ihre Zeit zu verschwenden – wenn ich zweimal die Woche komme – ich bins nicht wert – was meinen Sie dazu?

Therapeutin: Es hängt von Ihnen ab, Gil, für mich ist es keine Zeitverschwendung – ich bin immer froh, wenn Sie kommen – aber es kommt auf Sie an – ob Sie nicht mehr zweimal die Woche kommen wollen – oder doch – oder einmal wöchentlich – es kommt auf Sie an (Lange Pause).

Klientin: Sie schlagen nicht vor, daß ich öfter kommen sollte? Sie haben keine Angst und wollen, daß ich jeden Tag komme, bis ich aus diesem Tief raus bin?

Therapeutin: Ich glaube, daß Sie sich selber entscheiden können. Ich bin immer für Sie da, wenn Sie kommen wollen.

Klientin: (betroffen) Ich glaube, Sie haben keine Angst – das merk ich – ich kann Angst vor mir selber haben – aber Sie haben keine Angst um mich (steht mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck auf)

Therapeutin: Sie sagen, Sie haben vielleicht Angst vor sich selbst – und Sie Wundern sich, warum ich offenbar keine Angst um Sie habe?

Klientin: (lacht kurz) Sie haben mehr Vertrauen zu mir als ich selber – bis nächste Woche – vielleicht.

Deutlich wird in diesem Beispiel der "klientenzentrierten Therapie" – so nennt Rogers das Verfahren nun – neben dem typischen Verhalten das Therapeuten ein anderes wesentliches Element, die Selbstwahrnehmung. Die Diskrepanz zwischen dem "wie bin ich" und "wie möchte oder müßte ich sein" ist hier so groß, daß die Klientin es kaum mehr erträgt. Die Lücke zwischen Ideal und Realität ist die Einbruchstelle von Angst, Depression und anderen Neurotizismen. Gelingt eine Therapie, kann der Klient das Akzeptiertwerden durch den Therapeuten übernehmen und lernt, sich selber zu akzeptieren, einschließlich aller bisher abgewehrten und verdrängten Gefühle. Dann nähern sich auch Ideal und Realität einander an. Und schließlich wirkt sich die verbesserte innere Kommunikation auch auf die Beziehungen zur Umwelt aus.

"Ich bin nicht mehr gegen mich, sondern mit mir", meint eine Klientin am Ende ihrer Therapie. Und ein anderer Klient findet: "Mir bleibt noch immer eine Menge zu tun – ich muß mich innerlich reorganisieren, aber es ist anders – es ist fast so, als ob ich die übriggebliebenen Probleme gar nicht mehr als solche empfinde. Wahrscheinlich ist es das, was man unter Selbstvertrauen versteht" Das Ende einer Therapie ist natürlich nie etwas Endgültiges. Leben heißt für Rogers, sich ständig wandeln und wachsen. Ein gesunder Mensch ist für ihn einer, der für diesen Prozeß offen ist.

In den Jahren 1945-57 ist Rogers an der Universität von Chicago und baut ein eigenes, für die damalige Zeit ungewöhnlich demokratisch geführtes Forschungs- und Beratungszentrum auf, um dessen Leitung er wieder einmal mit den Psychiatern kämpfen muß. "Es war ein Kampf auf Leben und Tod für mich, aber wenn man mich in die Ecke stößt wie hier und in Rochester, kann eh mit der ganzen Effizienz kämpfen, die man in einer Familie mit sechs Kindern erwirbt.

Der andere große Kampf in Rogers Berufsleben waren seine Debatten mit Skinner. Behaviourismus oder Humanistische Psychologie – das ist für Rogers eine philosophische Entscheidung. Dem Diktum Skinners: "Der Mensch ist das Produkt seiner Umgebung, er handelt, wie er handeln muß, aber so, als ob er nicht gezwungen wäre", stellt Rogers entgegen: "Meine Erfahrung macht es mir unmöglich, die Realität und Bedeutung der menschlichen Entscheidung zu leugnen. Für mich ist es keine Illusion, daß der Mensch Architekt seiner selber ist, daß Veränderungen dem Wunsch danach entspringen, nicht der Konditionierung." Politisch gewendet, er plädiert für demokratische Politik, nicht für Management durch eine Elite.

Rogers’ Verhältnis zur Fachwelt war nie spannungsfrei. Kein Wunder, denn er ging mit all ihren heiligen Kühen ziemlich respektlos um. Er wagte es, den Prozeß der Therapie und die ihn fördernden Einstellungen für wichtiger zu halten als Lehranalyse und Persönlichkeitstheorie, wichtiger als Diagnose, Behandlungsplan und therapeutische Techniken. Die Fachkollegen beachteten seine zahlreichen Veröffentlichungen wenig, und wenn, fanden sie sie oft unwissenschaftlich, oberflächlich, "kultisch".

Seine Wirkung hat das wenig beeinträchtigt. Er hat großen Zulauf, seine Bücher finden regen Absatz – der immer persönlicher werdende Stil hat sicher dazu beigetragen –, und über Mangel an schriftlicher und mündlicher Resonanz kann er sich nicht beklagen. Das Mißfallen der Fachwelt hat auch nicht verhindert, daß dieser Außenseiter der akademischen Psychologie in wichtigen Ausschüssen saß, zum Präsidenten der großen Psychologieverbände gewählt wurde und, darüber hat er sich am meisten gefreut, schon 1956 zusammen mit Wolfgang Köhler und Kenneth Spence von der American Psychological Association einen Preis für wissenschaftliche Leistungen erhielt. Um so mehr wundert er sich, daß seine präzise formulierte Therapietheorie in Kochs Riesenbänden "Psychology, a Study of Science" auf Bibliotheksregalen ungelesen verstaubt.

Mit 61 Jahren, 1963, überlegte er, daß ihm die Universität eigentlich nicht mehr viel zu bieten habe. So nahm er ein Angebot vom Western Behavioural Science Institute an, nach La Jolla, San Diego, Kalifornien, zu kommen. Dies Institut lag ihm so am Herzen, daß er auf sein Gehalt verzichtete; leben konnte er damals längst aus den Einkünften seiner Publikationen. Als ihm später das Verhalten der Institutsleitung zu undemokratisch erschien, gründete er zusammen mit Institutsmitgliedern das Centre for Studies of the Person, dem er auch jetzt noch angehört.

Und hier, im Pensionsalter, begann für Rogers noch einmal eine erstaunliche Etappe seiner persönlichen Entwicklung, seiner schriftstellerischen Produktivität und seiner Popularität. Die Arbeit mit Gruppen rückte ins Zentrum seines Interesses. Heute hält er die Encounterbewegung für eine der wichtigsten unserer Zeit.

Fasziniert hatten ihn Gruppen immer schon. Akzeptieren und verstehen hatte er ja lange geübt und in der therapeutischen Situation konnte er auch enge Beziehungen eingehen. Privat war er jedoch immer ziemlich reserviert geblieben. Spontan und direkt war bei den Rogers bislang nur Frau Helen gewesen. Nun fand seine Tochter Natalie plötzlich: "Er hat sich ungeheuer verändert. Ich kann es kaum fassen."

Ein Mitglied einer Rogers-Gruppe erzählt: "Einer der Teilnehmer war ziemlich zynisch, hatte sich die ganze Woche von der Gruppe zurückgezogen. Er war ein unangenehmer Zeitgenosse. Carl war fest entschlossen, diesen Menschen zu öffnen. Er versuchte so ziemlich jede Methode, die er kannte – nichts funktionierte. Am allerletzten Vormittag (mittags war Abreisetermin) kam Carl ziemlich blaß nach einer schlaflosen Nacht in die Gruppe. Mit Tränen in den Augen (ich habe oft gedacht, daß er ein fabelhafter Schauspieler war) sagte er, wie sehr er diesen Menschen mochte und mit ihm fühlte, und daß ihn die eigene Unfähigkeit, an ihn heranzukommen, um den Schlaf gebracht habe. Er erzählte uns von seiner Angst, daß er nie wieder eine Gruppe mit leitenden Angestellten machen könne, weil er unfähig sei, mit der Situation fertigzuwerden. ‚Ich tauge einfach nicht dafür‘. Natürlich hat das die ganze Gruppe in Trab gebracht. Sie ging vehement auf den Teilnehmer los. Am Ende lagen sich Carl und der arme Kerl in den Armen und beide weinten ausgiebig. Es war ein Höhepunkt für alle – wunderschön, befriedigend und sehr hilfreich für den Teilnehmer."

Rogers beschränkte sich nicht auf die Arbeit mit Kleingruppen, er wagte sich auch an Institutionen, vor allem pädagogische, Schulen, Universitäten, ein Jesuitenkolleg. Schon 1952 hatte er an der Harvard Business School seine Zuhörer mit seinen Vorstellungen über das Lernen in Aufruhr gebracht: "Nur scheint, daß alles, was man jemanden lehren kann, relativ unwichtig ist und wenig Einfluß auf sein Verhalten hat" ... "Es interessiert mich eigentlich nur, Verhalten zu ändern" ... "Wenn ich zu lehren versuche, veranlasse ich mein Gegenüber eigentlich nur, seinen eigenen Erfahrungen zu mißtrauen und verhindere damit wesentliches Lernen. Das Resultat des Lehrens ist entweder unwichtig oder schädlich" ... "Ich stelle fest, daß ich nur am Lernen interessiert bin ... ich finde, daß beim Lernen mit anderen sehr viel herauskommt."

Deshalb schlug er vor, Examen und Diplome abzuschaffen, teus wegen des Machtverhältnisses zwischen Lehrenden und Lernenden, vor allem aber, weil sie gewissermaßen einen Endpunkt bedeuten und ein Lernender nur am fortlaufenden Prozeß des Lernens interessiert sein sollte. Was damals einen Schock ausgelöst hatte, fand jetzt, in den sechziger Jahren, offene Ohren, und viele versuchten sich in dem neuen Stil. Heute, fünfzehn Jahre später, sind allerdings nur noch wenige dieser Projekte lebendig.

Im Einklang mit seiner Philosophie des Lernens hat sich Carl Rogers auch immer geweigert, eine eigene Therapieschule oder -Vereinigung zu gründen. Er überläßt es lieber den Klienten, zu entscheiden, welche Therapeuten sie gut finden und aufsuchen. Zertifikate kümmern ihn wenig.

Er selbst, immer lernend, läßt sich weiterhin von Klienten, Gruppenmitgliedern und jungen Menschen anregen. Erstaunlich vorurteilsfrei schreibt der alte Herr über neue Formen in Partnerschaft und Ehe, auch über ganz persönliche Erfahrungen. Beim Tod seiner Frau kommt er mit neuen, transzendenten Dimensionen in Berührung. Nach Rank, Kierkegaard und Buber entdeckt er nun die Propheten des New Age, Ferguson und Capra, für sich, beschäftigt sich mit spiritueller Suche, Exploration des Übersinnlichen und denkt – da schlägt der alte Empiriker durch – auch darüber nach, wie Forschung in diesem Bereich auszusehen hätte. Ein wenig ändert er sogar seine Theorie. Zur "Selbstaktualisierungstendenz", die den Selbstheilungs- und Wachstumskräften jedes Menschen nach seiner Ansicht zugrunde liegt, kommt jetzt noch die Fähigkeit aller Organismen, über sich selbst hinauszuwachsen, Formen höherer Komplexität, höherer Ordnung zu entwickeln.

Sein letztes, größtes Anliegen jedoch ist der Frieden. Er bringt Vertreter der Gesundheitsversorgung und unzufriedene Slumbewohner zusammen, irische Katholiken und Protestanten, er redet mit Gruppen in Spanien, Brasilien, Polen, Ungarn. Sein Traum ist, den Dialog zwischen Ost und West wieder in Gang zu bringen.

Angefangen vom früheren Vertrauen in eine Art humanistischer Religion, über die Botschaft der Offenheit und des Akzeptierens in der Einzeltherapie und in den Gruppen bis zur Entdeckung der Spiritualität und zum Engagement für den Frieden: In Rogers Themen kehrt viel von dem wieder, was in den letzten Jahrzehnten "Fortschrittliche" bewegt hat. Manche haben mit ihm erlebt und gedacht, viele haben ihn nachempfunden und seine Stichworte aufgenommen. Er wurde Mode. Rogers Erklärung dafür ist einfach: "Die Zeit war reif"

Carl Rogers wäre nicht er selbst, wenn er seine Lebensarbeit für abgeschlossen hielte. Und so fragt er sich: Warum ist die Methode so erfolgreich bei der Veränderung von Personen und ihren Beziehungen und so wenig erfolgreich bei Institutionen? Warum ist die personenzentrierte Gemeinschaft der Gruppen so wenig dauerhaft? Ist der humanistische Ansatz zum Untergang verdammt? Wird er überrannt werden von machtorientierten Kulturen? Wo kommen letzten Endes Betrug und Gewalt, wo kommt das Böse im Menschen her?

Carl Rogers ist jetzt 82 Jahre. Was wird aus seinem Werk? Im Centre for Studies of the Person denkt man mit Sorge an die Zeit, wenn der Magnet Rogers nicht mehr da sein wird. Einige andere seiner ehemaligen Schüler, Gordon und Gendlin etwa, haben seine Lehre fortentwickelt, eigene Zentren gegründet. Den größten Einfluß hat Rogers jedoch nicht in Amerika, sondern in der Bundesrepublik. 1960 importierte Reinhard Tausch, Psychologieprofessor in Hamburg, den klientenzentrierten Ansatz. Die Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie (GwG) wurde gegründet. Sie hat mittlerweile rund 7300 Mitglieder, einige mehr als die Verhaltenstherapeuten, und ist damit der größte Therapieverband in der Bundesrepublik. Rogers sieht’s mit gemischten Gefühlen. Er konnte Verbände nie so recht leiden, hat die Ausbildung in Verdacht, zu technisch zu sein und möchte die Therapeutenqualifikation lieber vom Urteil der Klienten als von der Vergabe eines Zertifikats abhängig machen. Der Verbandsvorsitzende meint indes: "Wir sind da realistischer. Wir werden traurig sein, wenn Rogers nicht mehr da ist, aber es ist für uns keine Katastrophe. Institutionen überdauern das Leben eines einzelnen."

Aus Rogers frühen Jahren übernahm die Gesellschaft das Interesse für Beratung und Gesprächsführung, speziell auch in der Sozialarbeit. Aus seinen späten das Engagement für den Frieden. Die Hauptaufgabe der GwG ist jedoch die Ausbildung zur Einzeltherapie. Wie in Rogers mittleren Jahren analysieren und reflektieren die angehenden Therapeuten dabei noch immer Bemerkung für Bemerkung auf den Tonbandprotokollen der Gespräche mit Klienten, und es geht auch hier darum: Was kann ich beim Klienten zulassen und akzeptieren, wo sind meine Grenzen, wo muß ich wachsen?

Auch voll ausgebildete Therapeuten sind verpflichtet, regelmäßig miteinander ihre Fälle durchzuüberlegen; Lernen ist nie zu Ende. Sie arbeiten zumeist in Erziehungsberatungsstellen, Krankenhäusern, Heimen; freie Praxen sind für sie schwieriger, denn die Krankenkassen übernehmen, anders als bei den Freudianern, die Kosten nur zum Teil. Mit acht Therapiestunden – so lange dauerte die erste veröffentlichte Rogerstherapie – ist heute kein Klient mehr fertig, üblich sind 60 bis 120 Stunden. Je höher die Qualität des Therapeuten, desto gründlicher und länger arbeitet er in der Regel. Auch sonst gibt es Variationen. Carl Rogers ist das nur recht. Er warnt davor, zu "rogern". Jeder soll seinen Stil finden.

Das ist wohl sein Geheimnis: kein Dogma, zuhören, lernen, offen sein – für sich selbst und andere, für das Risiko und das "kreative Unbekannte"

Nächste Woche: Karlfried Graf Dürckheim – östliche Weisheiten im Schwarzwald