Hervorragend

Georg Friedrich Händel: "Die Orgelkonzerte". Über die Wechselwirkung zwischen dem Komponisten und seinem Interpreten, zwischen dem Können des einen und dem Dürfen des anderen haben wir uns vor allem in der Neuen Musik oft Gedanken machen müssen – die Kontarskis, Palm, Gazzelloni, Holliger, Caskel, Zacher, Gawriloff, Globokar waren auf ihren Instrumenten Initiatoren und Promotor für viele und vieles. Daß diese Dualität erst in jüngerer Zeit entstand, daß früher der Komponist in der Regel sich als der virtuose Interpret seiner selbst zunächst einen Namen machte, bevor auch der Tonsetzer in ihm wahrgenommen wurde, ist uns bei Bach, Mozart oder Brahms vielleicht noch bewußt. Aber Händel? Daß der erst siebzehnjährige Student auch ein Organistenamt versah? Als Neunzehnjähriger an der Hamburger Oper Violine und Cembalo spielte? In seinem ersten Oratorium "Il Trionfo del Tempo e del Disinganno" (Rom 1705) vor einer Arie mit einem Solo in einer Orgel-"Sonata" brillierte? Daß er später für die Pausen in seinen Oratorien Orgelkonzerte komponierte und die Soli selber ausführte, was vielleicht sogar werbewirksamer war als die eigentlichen Werke? Immerhin läßt sich an den nicht immer originalen, eher zusammengearbeiteten Konzerten ermessen, daß Händels an der italienischen Konkurrenz wie an den dortigen Instrumenten orientiertes Können vorwiegend ein manuelles, das jedoch virtuos, war. Die fünfzehn Stücke heute aufführen heißt sich entscheiden. Trevor Pinnock hielt sich mit seinem Ensemble an die Originalbefunde, besetzte höchstens 6 + 6 Violinen, meist eine Theorbe, immer ein (zusätzliches) Cembalo. Das klingt nie zu breit, schwer oder auch nur fällig, hat sehr viel Beweglichkeit, gibt sich den Linien hin, formuliert und artikuliert sie sorgfältig, trägt den Solisten und saugt ihn nicht auf. Simon Preston wählte sich restaurierte Kleinorgeln aus England, spätes 18. Jahrhundert, also nicht ganz zeitkonform. Aber die vorsichtige Disposition, oft nur ein 8-Fuß oder ein kleines Plenum, drängt sich nie auf, ist sparsam mit Farben, hält sich im übrigen an die Artikulation des Orchesterchens. Wieder ein Beispiel, wie lebendig eine ältere Musik werden kann durch die ihr angemessene Aufführungspraxis. (Simon Preston, Orgel/Ursula Holliger, Harfe/The English Concert, Leitung: Trevor Pinnock; DG Archiv 413 471) Heinz Josef Herbort

Enttäuschend

David Bowie: "Tonight". Von David Bowie kann man schon lange nicht mehr erwarten, daß seine Platten ein thematisches oder musikalisches Zentrum hätten, dafür produziert er schon seit geraumer Zeit nach dem in den fünfziger Jahren bewährten Motto "Hits plus Füller" und feiert sein x-tes Comeback als der Vdeoclip-Superstar par excellence. Ein clever versteckter Hinweis auf seine Selbsteinschätzung: "Everybody always wants to kiss your trash." Um letzteres handelt es sich hier, gleichgültig, ob er chamäleonhaft Bob Marley nachäfft, Rhythm & Blues- und Pop-Oldies von Chuck Jackson oder den Beach Boys in furchtbaren Versionen karikierend hinmordet oder sich innerhalb eines Songs am Recycling aller möglichen letzthin populären Stile versucht. Mit der neuesten LP qualifiziert sich Bowie nach "Let’s Dance" wieder einmal als das Gegenteil eines König Midas der Popmusik: was er als Interpret anfaßt, wird zu musikalischem Schrott. (EMI America 24 0227-1) Franz Schöler

Hörenswert

"Folk, Lied, Song, Jazz, Rock – Pop ’83". Unter diesem teils vielversprechenden, teils Vorsicht nahelegenden Titel sind zwei Schallplatten vereint, auf denen die Besten vom "Nachwuchs-Festival" der Deutschen Phono-Akademie zu hören sind. Wer dabei an die mühseligen Versuche von Talent-Suchaktionen denkt, wird überrascht: von einer Sammlung erstaunlich guter Musik, darunter viele faszinierende Auftritte quer durch all die Sparten, die in die Rubrik "Pop" geschoben zu werden pflegen. Es ist auch nicht ein Kandidat darunter, vor dessen Ergüssen man zusammenzucken müßte. Mir fielen auf: "The Touch", eine Rockband von mäßiger, aber lieber Rauhheit mit einem genau passenden Sänger; bei "Zebra Zebra" singt Gundula Bartsch zupackend (auf deutsch); die gewieften Amateure von "Schwartenhalß" gewinnen der Renaissance-Weise "Es fuhr ein Pawr gen Holz" mit alten Instrumenten sehr originelle Klänge ab; bei der "Jochen-Riemann-Band" spürt man große rhythmische Phantasie; die "Elefanten" faszinieren mit einer langen, an Temperamenten reichen Percussion-Musik. Viel Ehrgeiz lassen nicht zuletzt die Jazz-Gruppen erkennen, auch den, Musik "für das Publikum emotional begreifbar zu machen" (wie das die "Z-Band" ausdrückt). Leitfigur bei "UP" ist der Geiger Widmoser mit langen heftigen Soli; das "Duo Dorado/Claudio" spielt sehr virtuos das, was man gern Zigeunerjazz nennt; "Palm Spring" leistet sich eine begabte Jazzsängerin mit Namen Teresa Wienk – und so weiter. Ein an Charakteren und Facetten reicher, musikalisch interessanter Querschnitt durch das von den Schallplattenfirmen kaum erschlossene Reservoir an Talenten. (WEA PR 410)

Manfred Sack