Wie der Staat seine Bürger entmündigt

Von Manfred Sack

Es gibt ein traumhaft schönes Bild von uns, in dem jedermann sich wiedererkennen darf. Kämpferische, also optimistische Demokraten haben es bald nach dem Kriege gemalt, den Titel hatten sie schon lange im Kopf: "Der mündige Bürger." Es stellt jemanden dar, der Verstand hat und verständig ist, der hinreichend (aus-)gebildet ist, neugierig, informiert, infolgedessen urteils- und entscheidungsfähig, kurzum: Herr seiner selbst. Der Appell an das Verantwortungsbewußtsein stand gewissermaßen im Untertitel.

Während die einen das Bild nach wie vor beschwören, womöglich daran glauben, sind andere längst damit beschäftigt, sich darüber lustig zu machen und es frech und hinterlistig zu entstellen. Der mündige Bürger? Du lieber Himmel! Genügt es nicht, an unsere überbesorgten, mißtrauischen Gesetzgeber zu denken und an ihre risikoscheuen Exekutoren, die doch unablässig damit beschäftigt sind, den mündigen Bürger zu entmündigen? Betrachten sie ihn nicht als einen liederlichen, leichtsinnigen Zeitgenossen, dumm und dreist und wenig dazu geeignet, auf sich selber aufzupassen, verantwortlicher Entscheidungen unfähig?

Tatsächlich ist der Staat, den sich dieser Bürger als Ordnungshelfer bestellt hat, alles andere als sein Vertrauter: ein mißtrauisches bürokratisches Monster, das seine Finger tief in die Privatsphäre steckt und ihm vorschreibt, wie er in den Grundrissen des sozialen Wohnungsbaus seine Möbel aufzustellen, wieviel Steckdosen sein Schlafzimmer zu haben hat, daß eine steile Treppe nur Holländern erlaubt ist, nicht aber ihm, und Treppen ohne Geländer erst recht nicht, nicht einmal in seinen eigenen vier Wänden; noch die Art des Geländers und tausend Sachen mehr werden ihm vorgeschrieben: weil "etwas passieren könnte".

Unübersehbar sind die Versuche des Staates, den Alltag noch mit den aberwitzigsten Anordnungen zu durchdringen. Es gibt weit über zwanzigtausend Normen; im vorigen Jahr wurden uns sechzehnhundert neue beschert. In den Schubladen des Deutschen Instituts für Normung, in dem an Stelle von Bürgern nur Interessengruppen regieren, dräuen unterdessen Tausende von neuen.

Angst vor der Verantwortung