Von Esther Knorr-Anders

Ausgerechnet Museumsleute demonstrieren, daß sie flinker sind als die Geschichte: Exakt ein Jahr vor dem 150jährigen Bestehen der Eisenbahn in Deutschland, am 7. Dezember 1984 öffnet in Nürnberg das neugestaltete und um eine 1000 Quadratmeter große Halle erweiterte Verkehrsmuseum wieder seine Pforten.

Grundlage des Jubeljahres ist das bekannte historische Ereignis: Ein Personenzug fuhr von Nürnberg nach Fürth. Die sechs Kilometer lange Strecke „durchrasten“ die 200 Passagiere der Eröffnungsfahrt in der tollkühnen Zeit von etwa 15 Minuten. Ausdrücklich warnte das bayerische Obermedizinalkollegium vor der „geistigen Unruhe“, dem „Delirium furiosum“.

Daß die Eröffnungsfahrt überhaupt möglich wurde, verdankt die Menschheit unter anderem den englischen Pferdedroschken. Deren Spurweite übernahmen, in Ermangelung eines anderweitigen Vorbildes, die englischen Lokomotiven- und Schienenweg-Erbauer Richard Trevithick und George Stephenson. Letzterer steuerte bereits 1825 erfolgreich seine „Locomotion“ nebst Güter- und Personenwagen von Stockton nach Darlington. Stephenson baute und lieferte auch den Nürnberger „Adler“, das Zierstück des Museums, Ursache und Hauptdarsteller der gesamten, umfangreichen Jubiläumsaktivitäten.

Museumsleiter Günter Schwerin betritt mit mir das imposante, sandfarbene Gebäude. „Es gilt als das älteste Technik-Museum im deutschsprachigen Raum“, erläutert er. Unüberhörbar schwingt Stolz in der Stimme. Er weist in die Vorhalle. Eine Baugrube bietet sich dem Blick. Vorsichtig betrachte ich meinen Begleiter. Kein Zweifel: Zum einen ist er in das Museum vernarrt, zum anderen schwebt vor seinem geistigen Auge die vollendete Einrichtung. „Wird das bis Dezember fertig werden?“ wage ich zu fragen. „Das wollen wir doch hoffen.“

Wir beginnen den Rundgang. Plastikabsperrungen sind zu überwinden, Kabel zu übersteigen. Wir drücken uns an Preßlufthämmern vorbei. Arbeiter verzehren Pausenbrote. Der Architekt Ulrich Werner wirbelt Staubwolken auf. Die Hallen mit den Hauptattraktionen seien fertig, erfahre ich. Ebenso der „Gleisbausaal“. Da ziehen sie sich quer durch den Raum, jene alten Schienen, die noch in mühseliger Plackerei verlegt wurden. Heute macht das der „Schnellumbauzug“. Die Arbeit des gelben Lindwurms ist photographisch dargestellt. Fachwörter schallen mir um die Ohren: Planierfräser, Jochaufnehmer, Schwellenleger. Für den Laien sieht es so aus: Das Monster gleitet heran, rupft die ausgedienten Gleise aus dem Schotterbett, lädt sie selbsttätig auf, spuckt die neuen Gleise auf die Strecke und zwickt sie fest.

In einem anderen Saal werden Kinder und Erwachsene Entzückensschreie ausstoßen. Etwa 150 Modelle uralter Dampfrösser und nagelneuer Triebwagen (Maßstab 1:10) funkeln um die Wette. Überwältigt verweilt man vor einer Modellbahnanlage: Länge 14, Breite 10 Meter. Einige Gebäude sind existierenden Bauwerken nachgebildet: der Hauptbahnhof Aschaffenburg, die Post in Würzburg. Fünfhundert Meter Gleislänge zeigt die Anlage, 30 Zuggarnituren wetzen über 90 Fahrwege, passieren 164 Weichen und 150 Signale.