Die schönste von den vielen schwärmerischen Geschichten um das Moskauer Tanganka-Theater, das der russische Regisseur Jurij Ljubimow zwanzig Jahre geleitet hat, gehört zu den traurigsten. Sie erzählt von Hamlets Tod. Vor vier Jahren starb Ljubimows Lieblingsschauspieler Wladimir Wyssozki, der in einer legendären „Hamlet“-Inszenierung im Tanganka Prinz von Dänemark war. Wyssozki starb nicht einfach, er „verlöschte wie ein Meteorit“, sagte später Ljubimow. Man trug den Schauspieler zu Grabe: in Hamlets Kostüm, Hamlet. Die Geschichte erzählt vom Tod eines unsterblichen Theaterhelden und stammt aus der Zeit vor der Liaison des Theaters mit dem Show-Business. Hamlet: nicht Prestige-Objekt eines Schauspielers, sondern selber der Star.

Inzwischen wurde Ljubimow als Theaterleiter abgesetzt und ausgebürgert. Im Wiener Akademie-Theater, einer Dependance der Burg, hat er jetzt inszeniert, was er schon in Moskau, Budapest und London inszenierte, eine eigene Dramatisierung von DostojewsKijs Roman „Schuld und Sühne“. „Verbrechen und Strafe“ heißt der Abend. Wenn er beginnt, hat Raskolnikow, ein armer Student, ein Intellektueller ohne Auskommen, seinen Mord an einer rücksichtslosen Wucherin und deren Schwester schon begangen. Raskolnikow versucht sich mit Schiller und Napoleon zu rechtfertigen, und der Untersuchungsrichter erklärt in einem Prolog das Thema des Stücks: „Ein Verbrechen und einhundert gute Taten – das ist Arithmetik.“ Ist es das?

Bei Dostojewskij wird der Verbrecher am Ende durch die Liebe einer Frau erlöst: „Beide waren sie blaß und mager; doch in ihren kranken, bleichen Gesichtern leuchtete schon das Morgenrot einer neuen Zukunft, der Auferstehung zu einem neuen Leben, die Liebe hatte sie erweckt ...“ Im Akademie-Theater liest Raskolnikow (Gerd Böckmann) eine kurze Passage „Aus einem Schulaufsatz“ vor: „Raskolnikow hat recht gehabt, daß er die Alte ermordet hat. Leider haben sie ihn geschnappt.“ Soll man über die gewalttätige Naivität dieser Sätze erschrecken? Fordern sie zum Aufstand auf, oder prophezeien sie den Terror des Sowjetregimes?

Der Schluß ist ein Kapitel Dissidenten-Latein, das Stück ein Satyrspiel zu Bertolt Brechts „Der Jasager“, wo ein Menschenleben politischen Interessen untergeordnet wird. Am Ende heißt es bei Brecht: „Keiner schuldiger als sein Nachbar.“ In diesem Sinn erscheint Raskolnikow auch in Ljubimows Version von „Schuld und Sühne“ am Ende, nach jahrelanger Zwangsarbeit, klammheimlich wieder als Gerechter.

Die große erzählerische Wucht des Dostojewskij-Romans hat bei Ljubimow das Theater unaufhaltsam, unaufhörlich in Bewegung gebracht. Aus der Epik ist Motorik geworden. Das Vorbild der Aufführung ist deutlich Meyerhold, ein russischer Regisseur des Expressionismus. Immer wieder erstarrt die Aufführung zu Gruppenbildern, überfällt laut die Musik den Text, illustriert oder ironisiert ihn.

Das Bühnenbild ist an den Rand gedrängt. Rechts außen hat David Borowskij eine Arme-Leute-Wohnung aufgebaut. Sonst bleibt der dunkle Guckkasten fast leer. Raskolnikow verwechselt sich darin voll Sturm-und-Drang-Pathos mit Schillers Räuberhauptmann. An der Rückwand der Bühne sieht man riesig und dunkel seinen Schatten. Türen öffnen sich wie von Geisterhand. Hans Michael Rehbergs beklemmende Auftritte als psychopathischer Untersuchungsrichter Porfirij enden oft in stummfilmhafter Eile. Eine Tür, an der ein Blutfleck noch vom Mord erzählt, wandert in Raskolnikows Alpträumen quer über die Bühne.

Die Türen werden neben dem Mörder zu Protagonisten der Aufführung. Schließlich hat sich auch vor Ljubimow an der Grenze der Sowjetunion eine Tür geöffnet. Dann fiel sie ins Schloß. Jetzt muß ihm die Welt zu beiden Seiten der Tür wie ein Kerker vorkommen. Im nächsten Jahr wird Ljubimow in Stuttgart inszenieren, eine Oper, die in einem Kerker spielt: „Fidelio“. Helmut Schödel