Zeigen, wie ein Gedicht entsteht – Über den Sinn und Zweck von Werkausgaben, die sich mit "fertigen" Texten nicht mehr begnügen

Ein ungehobener Schatz: Entwürfe aus dem Nachlaß Georg Heyms

/ Von Benedikt Erenz

Auf den Schultern der Schreibenden sitzen die Vögel. Leise flüstern sie den Schreibenden ins Ohr. Übers Pergament kratzt die Feder, im kleinen Fenster neben dem Pult leuchtet grünlich eine ferne Landschaft. Krumm den Rücken, den Fuß auf einen Schemel gestützt, buchstabieren die Schreibenden, was die Vögel diktieren. Die Tauben gurren Gottes Wort. ER spricht durch sie, und unter der Feder der Mönche öffnen sich die Bücher der Evangelisten, wuchern fromme Legenden, heilige Episoden aus dem Leben der Auserwählten und neu erblüht der Lobgesang der Verheißung. Doch in der Nacht kommen mit lautem Krächzen die Weltgedanken, auf die Schulter hüpft die Krähe, der Versucher spricht aus ihr, und diktiert in rote Ohren seine lästerlichen Lieder.

Woher kommen die Worte, die Bilder, die Reime? Daß ein Gedicht nicht entsteht, sondern gemacht wird, erklärt nichts. Denn woher kommen die Baupläne, nach denen es entworfen wird, woher die Kraft, aus der es wächst, das Entsetzen, die Freude, die Trauer, wenn man es liest? Die Frage, warum jemand dichtet, warum ein Vers gelingt, ein anderer nicht, wie das in einer fernen Landschaft hinter unserer Sprache schon existierende Gedicht in diesem alchemistischen Prozeß aus "werden" und "machen" langsam vor unseren Augen entsteht, bleibt rätselhaft in einer Zeit, in der Gott nicht mehr zu den Menschen spricht. So rätselhaft wie die Frage nach Ursprung und Ende einer Welt, in der die Annahme eines schöpfenden und nichtenden Wesens keine Erscheinung der Natur mehr erklärt.

Um so größer ist die Hartnäckigkeit, dem Geheimnis des schöpferischen Prozesses auf die Spur zu kommen. Um so größer die Neugier, mitzuerleben, wie ein Gedicht entsteht, Zeile für Zeile: das komplizierte, mal qualvoll langsame, mal eruptive Werden der Worte, ihre allmähliche Organisation zu einem Text-Staat, die Erstarrung, der jederzeit mögliche Zerfall und Neubeginn. Edgar Allan Poe, der Autor der ersten Detektivgeschichten, fasziniert und angeekelt zugleich von der Säkularisierung des Kosmos durch die moderne Naturwissenschaft, hat in einem berühmt gewordenen Essay (1846) versucht, das Geheimnis zu lüften, indem er die Entstehung seines Gedichts "Der Rabe" im nachhinein zu rekonstruieren versuchte. Ein kühner Versuch, der aber letztlich nicht mehr erbrachte, als den organischen Prozeß auf seine letzte Phase, den mechanischen Vorgang der Montage, zu reduzieren.

Schreiben war Eingebung. Die Macht über das Wort war den Menschen von Gott gegeben – oder von Luzifer. Das geschriebene Wort hieß geheiligt oder verdammt, Inspiration: Anhauch Gottes oder des Bösen. Die Sprache, das war keine angeborene Eigenschaft, das war ein Geschenk des Höchsten. Später vergaßen die Schreibenden den Vogel auf ihrer Schulter. Wie sie Macht über die Welt gewannen, so gewannen sie Macht über ihre eigene Natur. "Dichter" nannten sich die Schreibenden jetzt; die Stimme, die sie vernahmen, die ihnen ihre Verse diktierte, kam nicht mehr aus der Ferne des Himmels. "Es dichtet in mir", schrieb Rilke.