Eine Reise zum jungen, altklugen und alten Theater: Über Inszenierungen von Arie Zinger, Peter Mussbach, Holger Berg, Alexander Lang und Hans Lietzau

Von Benjamin Henrichs

Alt ist die Spielzeit noch nicht. Aber schon ist wieder so vieles geschehen: Herr Argan, Molières Eingebildeter Kranker, ist auf einer Schildkröte über die Bühne geritten. Iphigenie, mit weißem Cocktailkleid und weißen Abendhandschuhen, ist über Tauris gerannt wie eine aufgeregte Hausfrau vor der Party. Herr Engstrand, Tischler in Norwegen, hat ausgerechnet Schwäbisch geredet. Im Düsseldorfer Schauspielhaus ist die ganze Bühne schief in der Luft gehangen. Im Kölner Theater hat es geregnet, wie es im Theater noch nie geregnet hat. Im Münchner Residenztheater hat es vom Lautsprecher gestürmt und gedonnert, wie es im Theater noch nie gestürmt und gedonnert hat. Und im Deutschen Theater in Ost-Berlin hat ein geheimnisvoller grüner Lichtstrahl Zeichen und Ornamente auf den Himmel gemalt, die man bisher nur von der kinetischen Kunst und vom Kino, nicht aber vom Theater kannte.

Es ist etwas los auf unseren Bühnen. Von hübschen Einfällen und erlesenen Effekten könnte man stundenlang erzählen. Allüberall regiert die Kurzweil. Vorbei die Zeit der fünf- bis achtstündigen Sitzungen, der ausschweifenden Expeditionen, der Feierstunden und Bußübungen. Nach zweieinhalb Stunden, höchstens nach drei, ist heute alles vorbei. Das Publikum scheint zufrieden: Proteste oder gar Skandale finden nicht mehr statt. Die Kämpfe sind ausgekämpft, die heroischen Zeiten vorüber.

Was ist los? Ist was los? Nichts ist los.

Von sechs Klassiker-Inszenierungen aus den beiden letzten Monaten soll berichtet werden. Arie Zinger hat in Köln Ibsens „Gespenster“ inszeniert, Peter Mussbach in Düsseldorf den „Eingebildeten Kranken“, Holger Berg in Frankfurt den „Zerbrochnen Krug“. Im Deutschen Theater in Ost-Berlin präsentierte Alexander Lang ein ehrgeiziges Doppelprojekt: Grabbes „Herzog Theodor von Gothland“ und Goethes „Iphigenie“ an zwei aufeinanderfolgenden Abenden. Und in München hat Hans Lietzau mit Martin Benrath „König Lear“ gespielt.

Ein Bericht über die Nachkömmlinge – Zinger, Mussbach und Berg sind um die dreißig. Ihre Generation müßte nun bald den Protest formulieren, den Aufstand wagen gegen die übermächtigen Vierziger, die Steins und Steckels und Flimms und Peymanns. Ein Nachkömmling (in der Maske des Meisterregisseurs) ist auch Alexander Lang, knapp über vierzig. Hans Lietzau ist 71. In einem Interview mit der Münchner Abendzeitung hat er ganz ohne Bitterkeit oder Koketterie über das Altern und Vergessen werden geredet: „Plötzlich fällt man doch, wenn man älter wird, aus der Geschichte raus. Das ist weder traurig noch bedauerlich – das ist so.“