Rumäniens Führer Nicolae Ceausescu blieb seinen außenpolitischen Prinzipien treu

Von Christian Schmidt-Häuer

Bonn, im Oktober

Erst bei der "Suppe von Baumtomaten mit grünem Pfeifer" und Haydns Divertimento Nr. 1 begann der sichtbar gealterte und zerbrechlich wirkende Nicolae Ceausescu eher beiläufig im rumänischen Text der Tischrede seines Gastgebers Richard von Weizsäcker zu blättern. Doch plötzlich las der so unauffällig erscheinende rumänische Alleinherrscher, der daheim dem Staatsrat mit Zepter und Schärpe präsidiert, beim feierlichen Abendessen auf dem Brühler Schloß Augustusburg mit voller Konzentration weiter. Schließlich hob der 66jährige Parteichef, der seine Untergebenen ständig mit rastlosen Blicken zu dirigieren scheint, die Augen und winkte den Dolmetscher heran. Unauffällig bedeutete er ihm, daß er seinen Toast in freier Rede ergänzen werde.

Die Passage, die Ceausescus immer noch untrüglichen Instinkt für außenpolitische Effekte geweckt hatte, war ein in der Tat zentraler und aktueller Absatz aus der beispielhaft differenzierten Tischrede des Bundespräsidenten. Sie lautete: "Die Bundesrepublik Deutschland achtet die territoriale Integrität aller Staaten in Europa in ihren heutigen Grenzen. Sie betrachtet die Grenzen aller Staaten als unverletzlich. Sie hat keine Gebietsansprüche gegen andere Staaten; sie wird solche auch in Zukunft nicht erheben. Ohne Vorbehalt steht sie zu den Verträgen, die zu Beginn der siebziger Jahre mit den Staaten des Warschauer Pakts abgeschlossen wurden. Die Bevölkerung unseres Landes unterstützt diese klare und eindeutige Politik. Dies läßt keinen Raum für einen Gedanken an Revanchismus. Wir erheben gegen niemanden den Vorwurf von Revanchismus. Wir fühlen auch uns durch keine Vorwürfe solcher Art getroffen. Mit Befriedigung stelle ich fest, daß Rumänien mit uns darin übereinstimmt. Wir werden uns vom klaren Kurs einer Verständigung nicht abbringen lassen."

Vom Redetext abweichend antwortete Ceausescu mit leicht brüchiger Stimme, aber entschiedenen Sätzen: In der Tat müsse von der Realität des Zweiten Weltkriegs ausgegangen werden. Seine Ergebnisse und die Grenzen Europas dürften unter keinen Umständen in Frage gestellt werden. "Das ist heute notwendiger denn je, damit jedes Mißverständnis beseitigt wird. Herr Bundespräsident, die Stellungnahme, die Sie heute abend abgegeben haben, hat klare Perspektiven geschaffen."

Mit dieser Geste demonstrierte der rumänische Gast einmal mehr die von ihm permanent als Staatskunst zelebrierte Sitte, seine Hände sichtbar nach allen Seiten in politischer Unschuld zu waschen. In Richtung Moskau hielt Ceausescu die Rede Weizsäckers hoch wie einen Beleg dafür, daß gerade durch Rumäniens Politik des ununterbrochenen Dialogs eine so deutliche Stellungnahme wie die des Bundespräsidenten festgeschrieben werde. Gleichzeitig erschien den Bonnern das nachgeschobene dictum Ceausescus über die "klaren Perspektiven" wie ein indirekter Appell an die Bruderstaaten, daß die Revanchismus-Kampagne gegen die Bundesrepublik nun aber auch zu beenden sei. So fand Ceausescu auch diesmal eine typisch rumänische Eröffnung: Mit seinem improvisierten Zug versuchte er das Bonner Wohlwollen für Bukarests darniederliegende Wirtschaft zu stimulieren und gleichzeitig die Rolle des allseits gefragten Maklers an der Ost-West-Börse weiter zu simulieren.