Bad Kissingen

In Bayern ganz oben, dort, wo man Bratwürste nicht brät, sondern kocht und sie dann im Essigsud als fränkische Spezialität verkauft, liegt verträumt das schöne Bad Kissingen. Heil und sauber und liebenswert gestrig. Und wenn man den Buntprospekten der Kurverwaltung glauben darf, scheint dort auch immer die Sonne von einem weiß-blauen Himmel. Im Herzen der Fußgängerzone, wo die Uhren auf echt bayerisch eigens für die Preußen links herum gehen, ragt ein kleiner Fachwerkgiebel vorwitzig in den meist doch nicht so weiß-blauen Himmel. Über diesem kleinen Erker also, in dem Adolph von Menzel so manchen Rausch von kernigem Frankenwein die steile Treppe hinuntergetragen hat, über diesem Gipfel braute sich seit 15 Monaten ein gewaltiges Gewitter zusammen. Was insofern nicht wunder nimmt, als die Rhön das anerkannteste Schlechtwettergebiet Deutschlands ist, aber das steht ja nicht in den Vierfarbprospekten, wo sich die Woche wie sieben mal Sonntag schreibt.

Dieses Gewitter also lag so standhaft über der liebreizenden Stadt, daß auch noch so kräftige Schübe der Stadtgewaltigen die Wolken nicht zu bewegen vermochten. Und als es dann gar noch in den regionalen und erst sehr viel später in der kleinen Heimatzeitung am Ort stand, war die Schande perfekt. In dieser honorigen Gaststätte unter dem zauberhaften Fachwerkgiebel soll es zugegangen sein wie bei Donisl in München. Dreck und Käfer eimerweise und dann noch Fränkische Knödel, die ihre Jungfernfahrt von der Küche in die Gaststätte auf Bedarf wiederholen mußten.

Doch damit nicht genug. Frankensteins Schreckensreport aus Küche und Keller las sich weiter so: mit Töpfen gegen Lehrlinge geworfen, sie mit Salatbrühe überschüttet, sie am heißen Herd gefoltert, mit Füßen getreten, mit Händen geohrfeigt.

Geohrfeigt? Das kann ja wohl nicht so schlimm sein. Spätestens seit den Gebrüdern Grimm darf selbst in königlichen Schlössern mal die Hand ausrutschen, in bürgerlichen Häusern dann doch erst recht. Oder? Nein, sagte sich der pfiffige Gewerkschaftssekretär, die Leiden der jungen Lehrlinge im Auge und die eigene Karriere im Blick. Und so schwor er sich, wie einst die Hexe im Märchen, dem Land das Fürchten zu lehren, einen Skandal zu bereiten. Hat er.

Nun stand die Sache vor Gericht. 22 Zeugen wurden gehört, zweitägig. Königlich-bayerisch ging es nicht zu, dafür war die Sache zu ernst. „Bier-ehrlich“ aber auch nicht, dazu waren die Aussagen zu widersprüchlich. Das gemeine Küchenvolk raunte auf den hinteren Rängen und glaubte an Besserung am Arbeitsplatz, wenn der Richter nur erst einmal Recht gesprochen hat. Doch über dem hohen Gericht bogen sich vorerst die Balken, und manchmal schien es, als wollten sie ächzen unter der Lügenlast. Der Küchenchef wußte gar nichts mehr, der angeklagte Gastronom war eine Mischung aus ländlicher Dorfunschuld und willfähriger Geständnisneigung. „Na ja, manchmal ist mir die Hand schon ausgerutscht.“ Also doch?

Und die Lehrlinge? Halt wie bei Dornröschen: ungehorsam, frech und faul. Nur, daß die Lehrherren eben nicht 100 Jahre warteten, bis ihr Zorn ein Ziel fand. Sieben Monate Freiheitsentzug mit Bewährung und 12 000 Mark Geldstrafe forderte der Staatanwalt, ein Verfahren wegen Meineides gegen den Küchenchef kündigte er vorsorglich mit an. 15 000 Mark Geldstrafe entschied das Schöffengericht, weil nicht mit letzter Sicherheit nachzuweisen war, daß tatsächlich grobe Mißhandlung der Schutzbefohlenen vorlag. Eine Ohrfeige hin und wieder und auch mal ein Tritt dorthin, wo es sich gerade anbietet, das ist zwar verboten, aber noch nicht roh im Sinne des Gesetzes.