Steyr-Daimler-Puch will versuchen, seine Krise ohne staatliche Hilfe zu überwinden

Österreichs zweitgrößter Industriebetrieb, die Steyr-Daimler Puch AG, beherrscht wieder einmal den Blätterwald. Vor knapp einem Jahr waren es die vom Steyr-Management angedrohten achthundert Kündigungen, die das Unternehmen zum Tagesthema und zum Politikum machten; jetzt ist es der Weg, wie Steyr aus den Verlusten herausfinden will, der für Aufregung sorgt. Die besondere österreichische Note dabei: Nicht so sehr das Konzept selbst, mit dem sich der Erzeuger von Lkw, Traktoren, Mopeds, Waffen, Panzern und – zusammen mit Mercedes – Geländewagen ab 1989 wieder auf Gewinn trimmen will, hat für Wirbel und Aufregung gesorgt, sondern die Art, wie dieses Konzept an die Öffentlichkeit kam.

Vorstand und Aufsichtsrat von Steyr sprachen darüber zuerst mit Journalisten, die Betriebsräte erfuhren es aus der Zeitung. Seitdem wird bis in die höchsten Ränge der Alpenrepublik über dieses Fehlverhalten geklagt. Bundeskanzler Fred Sinowatz: „Das ist nicht richtig gewesen, wie man an die Öffentlichkeit gegangen ist.“ Die Betriebsräte beschwerten sich lautstark über ihre Benachteiligung, und Hannes Androsch, Ex-Finanzminister und jetzt als Chef der Creditanstalt-Bankverein im Aufsichtsrat von Steyr vertreten, konnte sich den Fehltritt nur so erklären: „Das muß ein Mißverständnis sein.“ Gewerkschaftsbundpräsident Anton Benya sprang für seinen Schützling Hannes Androsch denn auch sofort in die Bresche und suchte zu beruhigen: „Ich bin überzeugt, daß man das ausräumen kann.“

Einmal mehr wurde der Beweis geliefert, wie schwierig Veränderungen in Österreichs verstaatlichter oder indirekt verstaatlichter Industrie zu erreichen sind. Steyr-Daimler Puch mit jetzt rund 14 500 Beschäftigten gehört zwar nicht direkt dem Staat, aber mehrheitlich der Creditanstalt-Bankverein, der größten Bank des Landes, die selbst wiederum mehrheitlich im Staatsbesitz ist. Hannes Androsch ist als Chef der Creditanstalt Steyr-Aufsichtsratspräsident.

Wenn schon die Bekanntgabe des Steyr-Konzeptes so große politische Wogen ausgelöst hat, so stehen dem Steyr-Management mit Sicherheit noch größere Auseinandersetzungen bevor. Immerhin hat sich das Unternehmen für die nächsten Jahre den Rückzug aus bisherigen Produktionsstandorten, eine Reduktion der Beschäftigtenzahl um rund 1500 Personen auf 13 000 Beschäftigte, ein straffes Kostensenkungsprogramm, aber auch große Investitionen vorgenommen.

Der Wirbel der vergangenen Tage wurde durch eine Präsentation dreier aus der Bundesrepublik angereister Herren ausgelöst. Ein Team aus drei deutschen Beratungsfirmen hatte das Unternehmen ein halbes Jahr lang durchleuchtet, ihre Vertreter legten im Auftrag und im Beisein von Vorstand und Aufsichtsrat vor der Presse die gefaßten Beschlüsse dar. Aufsichtsratspräsident Hannes Androsch gab dem Ganzen seinen Segen, indem er erklärte, daß sich „dieses Konzept weitgehend mit den Vorstellungen des Vorstandes deckt“. Intern war bei Steyr bereits eine ähnliche Strategie erarbeitet worden. Die unabhängigen Berater haben die Steyr-Befunde und Pläne weitgehend bestätigt.

Das Bild, das die Berater und Manager dabei von Steyr zeichneten, erklärt die Verluste der vergangenen Jahre, die ein für das Unternehmen lebensgefährliches Ausmaß angenommen hatten: Insgesamt waren es in den Jahren 1982 und 1983 umgerechnet fast 130 Millionen Mark, für 1984 droht ein Minus zwischen umgerechnet 40 und 140 Millionen Mark, je nachdem, ob eine größere Zahl der auf Halde stehenden Panzer dieses Jahr noch verkauft werden kann oder nicht. Das Unternehmen bleibt, so die Gutachter aus der Bundesrepublik, in allen Sparten weit unter den Umsätzen, die vergleichbare deutsche Firmen je Mitarbeiter erzielen. Auch die Auslastung der Anlagen ist extrem schlecht: Sie schwankt zur Zeit zwischen vierzig und 75 Prozent, international sind es aber im Durchschnitt neunzig Prozent. Zudem ist ein Großteil der Steyr-Anlagen veraltet, man hat in den siebziger Jahren zu wenig investiert. Zu viele Standorte, zu viele Produkte und zu kleine Stückzahlen, lautet der weitere betriebswirtschaftliche Befund.