Auf den ersten Blick wirkt alles wie vor fünf Jahren. Freundliche Begrüßung durch den Gemeindevorsteher im Versammlungshaus: "Heute kommen die Ehrengäste aus der Bundesrepublik Deutschland in unsere Gemeinde. Im Namen aller Einwohner darf ich Sie herzlich willkommen heißen Grüner Tee in Deckeltassen. Vortrag über die Volkskommune Hung Tschao, was "Regenbogenbrücke" heißt. Flackernde Lämpchen auf einer elektronischen Schautafel beleben die statistischen Darlegungen.

Der Bezirk Hung Tschao liegt zwölf Kilometer vom Zentrum der Zwölf Millionen Stadt Schanghai. Der Bezirk hat 37 000 Einwohner. Davon arbeiten 26 000 - achttausend Familien - in der Landwirtschaft. Sie beackern 1091 Hektar Nutzfläche und versorgen ein Zehntel der Schanghaier mit Gemüse: mit Kohl und Bohnen, Kartoffeln, Rettich und Paprika, Tomaten, Gurken und Champignons - insgesamt 40 Sorten Grünzeug. Außerdem liefern sie lastwagenweise Fleisch in die Stadt - die Bauern der Gemeinde unterhalten 73 000 Schweine, 580 000 Stück Geflügel (Enten, Hühner, Gänse), dazu züchten sie Fische in 40 Teichen.

Der zweite Blick enthüllt: Es ist alles doch ganz anders als vor fünf Jahren. Das liegt nicht nur daran, daß Tschang Hsue tzin, zu deutsch: Frau Schneeharfe, die letztes Mal die Einweisung vornahm, auf Parteischule ist, und an ihrer Stelle ein weniger gewitzter junger Mann sich mit seinen Zahlenreihen quält - Helmut Schmidt ist nicht unbedingt ein bequemer Frager. Es hat sich vieles geändert in Hung Tschao.

Vor allen Dingen die Rechtsform. Vor fünf Jahren war die Kommune noch eine "Einheit der Staatsmacht". Seit dem Vorjahr existiert sie nur noch als Wirtschaftseinheit weiter. Eine Gemeindeverwaltung fungiert an Stelle des früheren Revolutionskomitees. Das Ackerland gehört dem genossenschaftlichen Kollektiv, nicht dem "Volk". Die Dörfer und Weiler sind selbständig. Und die Bauern werden nicht mehr pauschal nach Arbeitsstunden entlohnt, sondern differenziert nach dem Ertrag.

Dahinter verbirgt sich eine Revolution. Chinas Bauern sind aus den Fesseln des radikalen Dogmas befreit worden, das da lautete: "Lieber sozialistisches Unkraut als kapitalistisches Korn Die Volkskommune Dadschai, während der Kulturrevolution das Ideal der ultralinken Eiferer, hat als Vorbild ausgedient "Niemals lassen die Dadschaier im Kampf gegen das Privateigentum nach" heute ruft die Erinnerung an solche Parolen nur Hohn hervor. Die Schlachtrufe von ehedem - Alles gehört allen; privates Hofland gibt es nicht; politsches Bewußtsein ist wichtiger als fachliches Können - sind in ihr Gegenteil verkehrt worden, "Bereichert Euch!" ruft Deng Xiaoping den 800 Millionen Chinesen zu, die auf dem Lande wohnen. Ungeniert appelliert er an den alten Adam. Dem Eigennutz wird Auslauf geschaffen, damit der Gemeinnutz wachsen kann.

Deng hatte die Idee. Der Mann, der sie ins Werk setzte, war sein Schützling Zhao Ziyang. "Der versteht viel mehr von Wirtschaft als ich", erzählt der starke Mann Chinas "Er war Parteichef in der Provinz Guangdong. Im Jahre 1975 habe ich ihn nach Szetschuan versetzt Szechuan ist mit 100 Millionen Einwohnern die volkreichste Provinz Chinas - und die Heimat Dengs "Dort gab es damals viele Probleme. Die Leute hatten nicht genug zu essen In Wahrheit herrschte eine Hungersnot, die viele Menschen das Leben kostete "Zhao blieb drei Jahre in Szechuan. Binnen zwei Jahren hatte er die Lage gemeistert. Unsere gegenwärtige Landwirtschaftspolitik beruht auf den Erfahrungen, die wir in jenen Jahren gesammelt haben "

Ohne falsche Bescheidenheit setzt Deng hinzu: "Das Ergebnis kann sich sehen lassen "