In Schottland verblaßt die Faszination des Ölgeschäfts

Von Reiner Luyken

It’s all very simple“, ruft Jim Hume mir grinsend über die Schulter zu, als ich etwas täppisch versuche, mit ihm Schritt zu halten. „Es ist alles ganz einfach“. Tänzelnd balanciert er über einen Stapel Stahlrohre, überspringt eine Ölpfütze und klettert leichtfüßig eine Eisenleiter hinauf. Dort verschwindet er in einem Gewirr von Rohren, Trossen, Winschen und Karabinerhaken.

In gähnender Tiefe hebt und senkt sich die Dünung der Nordsee. Irgendwo am Himmel nähert sich das Tschop-tschop-tschop eines Hubschraubers und übertönt das gleichförmige Brummen der Generatoren und die wuchtigen Hammerschläge, die im Bohrturm schwer auf einem widerspenstigen Eisenbolzen dröhnen. Eine Windbö trägt einen Schwall heißer Luft aus dem Maschinenhaus herüber.

„Bei uns dreht sich alles nur um den Schlamm“, läßt sich Jim wieder vernehmen. Jim Hume ist Bohrmeister – toolpusher in der Sprache der Ölleute – auf „Dunlin“, einer Bohrinsel weit oben in der nördlichen Nordsee, halbwegs zwischen den Shetlandinseln und Norwegen.

Wenn er von Schlamm redete meint er eine dickflüssige, bauliche Soße, die beim Bohren als Kühl- und Schmiermittel innen durch das Gesänge in die Tiefe gepumpt wird. Wenn sie dann aus dem Schachtloch wieder an die Oberfläche dringt, fördert sie all das zutage, was ein toolpusher wissen muß. Aus der Zusammensetzung und an den im Schlamm gelösten Gesteinssegmeneten liest er ab, wie die Bohrung verläuft – und ob er Öl gefunden hat. „Alles ganz einfach“, versicherte Jim noch einmal in seinem mit amerikanischen Brocken durchsetzten nordenglischen Dialekt.

Die Ausmaße und die technische Ausstattung einer Bohrinsel hier draußen in der wilden, weiten See sind wahrhaft spektakulär. „Dunlin“ steht in 150 Meter Wassertiefe auf vier gigantischen Betonstelzen, jede von den Ausmaßen eines mittleren Fernsehturmes, auf dem Meeresgrund. Das Deck schwebt dreiundzwanzig Meter über den Wellen – gerade hoch genug, um auch die höchsten Sturzseen eines Wintersturmes unbeschadet zu überstehen.