Irena Breźna: Sie schreiben manchmal unter Ihrem eigenen Namen, Andrej Sinjavskij, und manchmal unter dem Pseudonym Abram Terz. Als Sie noch in der Sowjetunion lebten, war das Pseudonym natürlich lebensnotwendig, aber Sie haben sich auch im Westen nicht mehr davon getrennt. Hat diese Doppelrolle eine besondere Bedeutung?

Andrej Sinjavskij: Ich habe im Leben eine eigentümliche Persönlichkeitsspaltung vollzogen. Mit Andrej Sinjavskij unterschreibe ich meine akademischen Arbeiten. Abram Terz ist dagegen der Autor rein künstlerischer Werke. Und diese zwei Autoren vermischen sich nie. Das Pseudonym Abram Terz ist so gewählt, daß es eine gewisse Entsprechung im Stil meiner literarischen Arbeiten findet. Das heißt, sagen wir so: Andrej Sinjavskij ist ein stiller Mensch, sogar bescheiden und langweilig, ein Menschentyp, der sein Leben vornehmlich im Arbeitszimmer verbringt, sich seiner akademischen Laufbahn widmet. Abram Terz, das bin zwar auch ich, bis zu einem gewissen Grade, aber es ist doch eine literarische Maske. Den Namen habe ich dem russischen kriminellen Milieu, seiner Liederfolklore entnommen. Abram Terz ist ein gewöhnlicher Dieb, der in einem dieser Lieder besungen wird. Der Klang des Namens war entscheidend. Und der Name bedeutet nichts! Pseudonyme, die eine Bedeutung tragen, mag ich nicht. Um so mehr, da es in Rußland diese Tradition gibt, sich Pseudonyme mit einer ernsthaften, wichtigen Aussage zuzulegen, zum Beispiel Gorkij (Der Bittere), Svetlov (svet = das Licht) Bogrizkij (bog = Gott), oft irgendwelche wunderschönen Namen. Ich wollte, daß das Pseudonym erstens ja nichts bedeutet, und zweitens sollte es stilistisch untertrieben klingen und gleichzeitig expressiv sein.

Im Namen Abram Terz gibt es zwei Schattierungen – erstens ist er ein Dieb, zweitens ein Jude. Obwohl ich weder ein Dieb noch ein Jude bin, entsprechen beide gewissermaßen meinen literarischen Interessen, meinem Geschmack, in dem Sinn, daß ja mein literarisches Schaffen in der Sowjetunion ein Verbrechen war. Ich schickte meine Texte gleich in den Westen mit der Gewißheit, daß man mich früher oder später höchstwahrscheinlich ausfindig machen und verhaften könnte. Es war also ein abenteuerliches Element dabei, mit der Tätigkeit eines Diebes eng verknüpft. Und noch ein Detail. Ich schreibe gewöhnlich über verbotene Themen, darüber, worüber es sich nicht schickt zu schreiben. Über etwas Gewöhnliches zu schreiben, wie Menschen zu Mittag essen oder ähnliches, das interessiert mich einfach nicht. Und daher haben meine Themen in der Regel etwas Scharfes, Verbotenes.

Und daß der Dieb Abram Terz im Lied ein Jude ist, das gefällt mir, obwohl ich selbst kein Jude bin. Aber es geht mir darum, daß der Jude im alten Rußland und auch unter der Sowjetmacht ein Gejagter, ein Verspotteter, ein Fremder ist. Von meinem Standpunkt her gesehen, ist ein Schriftsteller meiner Art ein Fremder, ein unangenehmer und irgendwie lächerlicher Mensch. Ich verstehe es in dem Sinne, wie Maria Zvetaeva, die große Dichterin, sagte: „In dieser Welt sind alle Dichter Juden.“ Das Schicksal des Schriftstellers, eines unabhängigen Schriftstellers in Rußland, ist sehr oft das schwierige Schicksal eines Vertriebenen, eines Abtrünnigen. Daher entspricht der Name meinem Leben.

Irena Breźna: Sie schreiben, daß die Kunst wichtiger als das Leben sei.

Andrej Sinjavskij: Ja, ich schrieb auch noch Dinge wie: Zunächst war die Kunst und dann das Leben. Aber das verstehe ich in einem metaphysischen Sinne, das heißt, die Welt, als eine Schöpfung Gottes, fasse ich auch als ein Kunstwerk auf, und deshalb sage ich: zunächst war die Kunst, das heißt der schöpferische Akt. Das ganze Weltall ist ein Kunstwerk. Und die ganze Menschheitsgeschichte mit ihrem unbegreiflichen Lauf ist auch ein Kunstwerk. So vieles ist Kunstwerk. Zum Beispiel mein Hund, auch er ist ein Kunstwerk.

Irena Breźna: Das erinnert mich an den Pantheismus, bei dem man auch nicht mehr weiß, wo die Welt aufhört und Gott anfängt und umgekehrt. So wie Sie das sagen, scheint das Leben mit der Kunst identisch zu sein, denn wo ziehen Sie die Grenze? Unsere Leben, auch dieses Gespräch, könnte man Kunst nennen.