Von Heidi Ganser

Alles okay“, sagt Will und trägt mich als Springer Nummer vier in die Liste ein – Fallschirm richtig angelegt, Gurte ordentlich festgezurrt, Reserve vor dem Bauch, Helm auf dem Kopf. Alles in Ordnung? Merkt dieser Himmelfahrts-Maestro denn nicht, daß ein riesiger Stein auf meinen Magen drückt? Und so soll ich mich gleich aus der „Pilatus Porter“ in die Tiefe stürzen?

Grund zur Angst haben wir eigentlich nicht. Immerhin haben wir – gut zwei Dutzend Fallschirm-Schüler, die meisten zwischen 20 und 30 Jahre alt – uns im holländischen „Paracentrum Texel“ eineinhalb Tage lang intensiv auf das Abenteuer zwischen Himmel und Erde vorbereitet. Hundertmal haben wir uns beim Kommando „Ready – Go!“ bäuchlings auf den Boden geworfen, Kopf, Arme und Beine hochgerissen und laut gezählt – 1001, 1002, 1003. Haben im Chor „Kappenkontrolle“ gebrüllt und geschaut, ob sich der imaginäre Fallschirm richtig öffnet. Wir plumpsten der Reihe nach aus den Holzkästen, die Flugzeuge simulieren, und übten in „Parahaltung“ immer wieder das Landen: geschlossene Beine, Knie locker angewinkelt, zur Seite fallen, abrollen.

Doch wo werden wir landen? Anfänger landen überall: mitten auf der Startbahn, auf Bäumen, Autos, Dächern, in Jauchegräben, zwischen Schafen und Kühen.

Den Notfall üben wir nicht nur, wir bekommen ihn auch vorgeführt. Oben am blauen Himmel saust einer blitzschnell – mit 180 bis 200 Stundenkilometern – „oben ohne“ durch die Luft. „Total“ heißt das, wenn sich der Fallschirm nicht öffnet. Wir halten den Atem an, bis sich der Reserveschirm wie ein weißer Champignon aufbläht. In der Katastrophen-„Vorstellung“ erleben wir noch einen „Streamer“ (der Fallschirm sieht aus wie ein Schlauch) und ein „Brötchen“ (die Leinen legen sich über den Schirm). Ans Reservepäckchen müßte man auch schleunigst, wenn sich der Schirm als „Horse Shoe“ entfaltet. Dieses Hufeisen bringt dem Springer kein Glück, sondern Knochenbruch, falls er nicht rechtzeitig reagiert.

Soviel Notfall-Prophylaxe vor dem ersten Sprung macht nervös, ein Schnäpschen wäre jetzt gerade recht. Doch Alkohol am Fallschirm ist strikt verboten, auch Medikamente sind tabu. Selbst wenn es noch etliche Stunden bis zum ersten Sprung sind – die Lektion „Fallschirmpacken“ erfordert einen absolut klaren Kopf. Es vergeht einige Zeit, bis sich mein CA-Schirm („Charlie’s Angel“) mit seinen 26 rutschigen Kunstseidenbahnen und endlosen Schnüren vom Knäuel zum handlichen Päckchen verwandelt. Zur Sicherheit wird jede Packprozedur dreimal kontrolliert und auf einer Karte abgezeichnet.

Die Line-over-Semmel, die vorhin herunter kam, hat mich unruhig gemacht. Ob ich meinen Schirm noch mal auspacken soll? Volker, schnoddriger „Himmelstaucher“ mit mehr als tausend Sprüngen, beruhigt mich. „Ein Brötchen entsteht nicht beim Einpacken, das hat immer einen anderen Grund.“