Von Karl Schuster

Ich möchte einen Sarg haben, in den ein Glasfenster eingearbeitet ist, ich möchte alles sehen, was bei meiner Beerdigung vorgeht!“ Am zweiten Tag meines Aufenthaltes in der Tumorklinik Oberstaufen höre ich entsetzt das Gespräch über Särge mit an. Die Frau, die gern jenes Glasfenster haben möchte, sitzt am Tisch mir gegenüber; totale Brustamputation, mehrere Bestrahlungen und Chemotherapien, 45 Jahre, Frührentnerin, einmal geschieden, jetzt verwitwet, kann nur noch kleine Spaziergänge unternehmen, da bei der letzten Bestrahlung irgendwie der Ischiasnerv getroffen wurde.

Mich bewegen Fluchtgedanken; ich packe meine Koffer noch nicht aus, da ich überzeugt bin, hier nicht bleiben zu wollen; ich führe endlose Telephongespräche mit zu Hause, bin doch nach Chemotherapie und Operation gesund, will mich erholen, nicht täglich mit Alter, Tod und Hinfälligkeit konfrontiert werden.

Einige Tage will ich es doch versuchen. Eine Gruppe von Patienten, auf die ich in einer Wirtschaft stoße und die über meine Abreisegedanken lächelt, erleichtert mir die Entscheidung: Ob ich nicht wisse, daß es fast allen Neuankömmlingen so gehe.

Zwei Drittel der Patienten in der Klinik sind Frauen, davon viele mit Brustkrebs. Christine, 33 Jahre alt, Krankenschwester, der vor einem Vierteljahr die rechte Brust amputiert wurde, sagt mir: „Ich kann keine Spaghettiträger mehr sehen. Und wie ich in meinem Job weiterarbeiten soll, weiß ich nicht. Der rechte Arm schmerzt so schnell. Schon das Bettenmachen fällt mir schwer.“ Die Chemotherapie, die sie in der Klinik erhält, scheint sie kaum zu beeinträchtigen. Trotz beachtlichen Zigarettenkonsums läuft sie uns auf Wanderungen weit voraus. Ihre Kur geht zu Ende, wir feiern intensiv Abschied. Drei Wochen später erfahre ich, daß sie wieder auf den Operationstisch muß. Am Telephon tut sie so, als ob ihr nur ein lästiges Stück Fleisch endlich entfernt würde, bis sie dann doch in Tränen ausbricht. Sie erklärt, daß ihre Umgebung völlig hysterisch reagiere, da müsse sie doch stark bleiben.

Sabine, ebenfalls erst Anfang 30, mit Unterleibskrebs, Totaloperation, zweifelt, ob sie wohl noch eine vollwertige Frau sei. Sie gibt sich unheimlich lustig, läßt aber niemanden an sich heran. Ihr Mann lebt getrennt von ihr.

Brustkrebs, Unterleibskrebs – für mich bisher abstrakte Zustände. Ich hatte mal in einer Illustrierten davon gelesen. Eine Frau sagt mir, daß sie sechs Wochen nicht aus dem Haus gegangen sei, weil sie Angst hatte, alle Bekannten würden sie anstarren. Ich kann sie nur mühsam überreden, doch einmal ins Hallenbad mitzugehen. Ich wußte auch nicht, daß die Arme schmerzen, schwer zu bewegen sind, dazu neigen, dick zu werden, wenn man nicht konsequent Gymnastik betreibt. Und immer wieder Diskussionen darüber, ob die totale Entfernung, der Brüste wirklich notwendig gewesen sei.