Von Helmut Becker

Seoul, im Oktober

Unsere Streitkräfte bewiesen ihre absolute Überlegenheit“, berichtete die südkoreanische Tageszeitung Korea Times über die Mammut-Militär-Parade am 1. Oktober in Seoul. Wem die Demonstration der Stärke galt, erfuhr, das Volk von Präsident Chun Doo Hwan höchstpersönlich: „Zwar haben die Nordkoreaner jüngst all ihre Kräfte für eine Friedensoffensive mobilisiert“, meinte der ehemalige Fallschirmjäger-General in seiner Festrede, „aber angesichts unserer vergangenen Erfahrungen sind wir nicht frei von erheblicher Sorge.“ Fazit: „Nur durch überlegene Stärke kann der Feind von der Versuchung abgeschreckt werden.“

Im Blauen Haus in Seoul, dem Amtssitz des südkoreanischen Präsidenten, trennt man sich nur ungern vom Feindbild der letzten drei Jahrzehnte. Die ersten geheimen Vorschläge des Nordens zu dreiseitigen Wiedervereinigungsgesprächen zwischen den beiden koreanischen Staaten und Amerika hätten Pekings Diplomaten am 8. Oktober letzten Jahres in Washington überbracht, erinnert man sich in der südkoreanischen Regierung. Einen Tag später detonierte die Bombe in Rangun, die Präsident Chun zwar verfehlte, aber vier seiner Minister und dreizehn weitere Südkoreaner zerriß. „Wir hoffen ernstlich, daß sich hinter dem jüngsten Lächeln des Nordens nicht wieder ein hinterhältiger Plan verbirgt.“

Inzwischen zeigt der Norden sein bisher strahlendstes Lächeln: Während Chun die Wachsamkeit seiner Streitkräfte beschwor, waren nordkoreanische Mannschaften noch eifrig mit der Löschung von Katastrophenhilfsgütern für die von einer schweren Flutkatastrophe betroffene Bevölkerung im Süden beschäftigt. Aber das Mißtrauen am Bambusvorhang zwischen Nord- und Südkorea sitzt nach einer 30jährigen Geschichte extremer Konfrontation tief.

Kein Wunder, daß sich beide Kontrahenten vom Schock der reibungslos abgewickelten Katastrophenhilfe noch nicht erholt haben. Bis in die allerletzte Phase der Verhandlungen zwischen den Rotkreuz-Organisationen beider Länder hatten Seoul und Pyöngyang auf einen Vorwand gelauert, sich gegenseitig die Schuld am Scheitern der humanitären Geste zuschieben zu können. „Es war ein gigantisches Pokerspiel“, meint das Wall Street Journal: „Der Norden hatte sich für einen Rückzug zu weit vorgewagt.“

Der nordkoreanische Diktator Kim Il-Sung und Südkoreas Chun Doo Hwan setzen beide auf die chinesische Karte. Peking, der treueste Verbündete Pyöngyangs und dessen einziger Kanal zu den Vereinigten Staaten als Schutzmacht Südkoreas, fühlt sich durch die Unberechenbarkeit Nordkoreas bei seinen eigenen Bemühungen um bessere Beziehungen zu Washington und Tokio sowie westliche Modernisierungshilfen gestört. Das Bombenattentat von Rangun überging die chinesische Führung mit eisigem Schweigen; die Botschaft an die Drahtzieher dagegen war um so beredter: Das chinesische Plazet für den geplanten Machtwechsel von Vater Kim Il-Sung auf seinen Sohn Kim Jong Il basiert auf der Absage an jede Kriegsprovokation Nordkoreas.