ARD, Donnerstag, 11. Oktober: „Gott segne Amerika“, Reagan und Mondale – die USA vor der Wahl

Die strenge und schwierige Kunst des Punkt-für-Punkt-Vergleichs zwischen zwei Personen, ihren Charakteren, ihren Gewohnheiten und ihrer Art, sich vor dem Volk in Szene zu setzen, wurde von zwei erfahrenen Filmemachern und Reportern, Fritz Pleitgen und Erhard Thomas, in ihre Rechte gesetzt. Wie die Historiographie mit Gegensätzen und Parallelismen arbeitet, um Person A von der Person B aus (und umgekehrt B von A aus) jene Tiefenschärfe zu geben, die eine direkte, auf pointierte Gegenüberstellung verzichtende Darstellung verfehlte, so beleuchtet das Fernsehen, richtig gehandhabt, durch In-Fernsehen, des Gleichen (Auftritt der Matadore, Schaustellung vor dem Volk, Reaktion des Publikums) das Grundverschiedene sinnfälliger, als es durch die penibelste Darstellung des Besonderen geschehen könnte: Mondale zeigt den wahren Reagan (nicht der Präsident selbst), Reagan wiederum rückt die Eigenart seines Konkurrenten ins Blickfeld. Der showman verweist auf den nüchternen Argumentierer; der redlich um die Erhellung von Problemen bemühte Herausforderer macht die Manier deutlich, mit deren Hilfe der Amtsinhaber Stimmung für Politik, Emphase für Überzeugung und patriotisch gefärbte Religiosität für heilswirkenden Optimismus ausgibt.

Wettstreit zwischen einem Schauspieler, der einen Präsidenten darstellt, so recht nach dem Gusto der vom Kollektivrausch erfaßten Massen (Motto: wir sind wieder was) und einem eher hölzern, aber unfanatisch redenden Anwalt der zu kurz Gekommenen, also der Armen, der Minoritäten, der Arbeitslosen und auch der Frauen: anschaulich und didaktisch geschickt wurde gezeigt, welcher Art von Rhetorik sich die Kontrahenten bedienen (Reagan, aufs Treuherzig-Volkstümliche getrimmt; Mondale: eher im Kennedy-Stil auftretend, mit schlagwortartig aneinander gereihten Kurzsätzen operierend, die eine Grundthese auffächern), wie sie auf ihre Anhänger zugehen (hüben die ekstatisch skandierende Masse, drüben mehr Individualitäten, auch Abweichler darunter) und welch ein Eindruck entsteht, wenn die Kandidaten einander direkt gegenüberstehen, Mondale, zum ersten Mal, in der Offensive und Reagan in die Rolle des schwerhörigen, plötzlich alt gewordenen Mannes gedrängt, der auf Stichworte aus dem Souffleurkasten wartet.

Ein Beinahe-schon-Sieger mit der Jugend und mit Amerika und, natürlich, mit Gott auf seiner Seite, dem Christengott, der wie Uncle Sam aussieht und aus Kentucky oder Alabama stammen könnte, und ein Beinahe-schon-Verlierer, der den Eindruck erweckt, er denke und zweifle zu viel und habe dort Skrupel, wo Optimismus und Draufgängertum angezeigt seien: Sehr illustrativ und überzeugend war das Doppelbildnis, das Pleitgen und Thomas, den Wahlkämpfern alleweil auf der Spur, in ihrer Reportage entfalteten, die den Charakter eines kenntnisreichen, kunstvoll durchgeführten und tiefmelancholisch stimmenden Feuilletons hatte.

Tiefmelancholisch, jawohl: Man brauchte für Amerika nur das Wort Deutschland zu setzen und für den Gott, der Amerika segnet, unseren alten wohlbekannten Herrn im Himmel, der einst das Eisen wachsen ließ – und himmelangst konnte es einem werden angesichts eines Wettkampfs, in dem Teddy – nicht Franklin Delano! – Roosevelt auf die Szene zurückgekehrt zu sein schien und die Superpatrioten, von keinem Lincoln begleitet, zum großen und letzten Gefecht bliesen: unter Fahnen und Stakkato-Geschrei in gods own country‚ den Vereinigten Staaten. Momos