Verwirrend mag die Politik der Grünen sein, langweilig ist sie nie. In Saarbrücken wollen die Grünen nicht mit Oscar Lafontaines SPD zusammengehen – oder vielleicht doch. In Hessen steht das sozialdemokratisch-grüne Duldungsexperiment wegen der Hanauer Kernenergieanlagen Nuken und Alkem auf der Kippe – oder vielleicht doch nicht. In Nordrhein-Westfalen wollten sich die Delegierten des Landesparteitags nicht auf eine Aussage festlegen, ob und unter welchen Bedingungen sie nach den Maiwahlen mit der SPD in Düsseldorf zusammenarbeiten werden. In Leverkusen amtiert ein grüner Bürgermeister, anderswo verhelfen grüne Stimmen dem CDU-Kandidaten zur Amtskette. Mitglieder der grünen Bundestagsfraktion sprechen für eine – wie immer geartete – Verbindung mit der SPD, andere dagegen.

Das Chaos scheint fröhliche Urständ zu feiern. Oder täuscht das Tohuwabohu? Das Durcheinander ordnet sich sehr schnell entlang der alten Konfliktlinien Basis gegen Funktionäre, "Realpolitik" gegen Protest und Prinzip, bunt-alternativ gegen pragmatisch-grün, Partei gegen Fraktion.

  • Die Basis will sich nicht vorschreiben lassen, mit wem sie zu gehen hat. Wenn ein Kreisverband meint, ein eigener Bürgermeister könne mehr erreichen als ein SPD- oder CDU-Mann, entscheidet sie autonom; dieses Recht wird zäh verteidigt. Die Basis in Nordrhein-Westfalen will Zeit haben, die Wahlaussage des Landesverbandes zu diskutieren; überrumpeln läßt sie sich nicht, unter (Zeit-)Druck setzen schon gar nicht. Die Saarland-Grünen bestimmen ihren Kurs selbst, wann sie wollen. Die Meinung des Bundesvorstands ist erlaubt, aber nicht bindend.
  • In Wiesbaden wollen die "Realpolitiker" das Duldungs-Experiment eigentlich fortsetzen; der Ärger rührt aus Verständigungsschwierigkeiten her. Verlangt war im Einigungspapier, die seit der Novellierung des Atomgesetzes überfällige Genehmigung von Nuken und Alkem endlich über die Bühne zu bringen. Die Gegner solcher Taktik fürchten nun entweder den Beweis für ihre Behauptung, mit jeder Mitarbeit machten sich die Grünen die Hände schmutzig und verlören als Protestpartei an Glaubwürdigkeit, oder sehen darin eine Chance, eine ungeliebte Entwicklung überhaupt zu torpedieren.
  • Der Parlaments-Alltag hat das grüne Profil nachhaltiger verändert, als die meisten Mitglieder vorher wahrhaben wollten. Protest und Kritik haben sich wohl als wählerwirksam und parteistiftend erwiesen, indes zum Preis der Re-aktion, der Abhängigkeit im Widerspruch von den regierenden Parteien. Was man nicht will, wird schnell und zunehmend besser gesagt; aber wie der "grüne Staat" aussehen soll (und wie dorthin zu gelangen ist), bleibt noch in der Schwebe. Das Zukunftsbild ist diffus und dank alter Programm-Schlachten stark von der sozialistischen Mitgift der Bunt-Alternativen eingefärbt. Gerade in Nordrhein-Westfalen hat dieser "linkssozialistische Realismus" (grüner Spott) eine starke Bastion.
  • Basis und Partei-(Organisation), auf Eigenständigkeit bedacht, stolpern darüber, wenn es darum geht, die Fraktionen einzubinden. Als besonders wirkungsvoll hat sich die Drohung mit dem Rotationsprinzip erwiesen, verfochten vor allem von der heimlichen Koalition derer, die bislang zu kurz gekommen sind. Seine Unsinnigkeit hat sich herausgestellt, deswegen wird es auch bald fallen, aber der Bundestagsfraktion, die ihre Nachrücker in einer unsinnigen Bürgergemeinschaft neben sich hat, wird das Rotationsprinzip im nächsten Frühjahr noch eine Zerreißprobe bescheren. Fällt die Rotation, haben die Grünen einen weiteren Schritt Richtung Partei getan, und sie müssen dann endlich die Gretchenfrage beantworten: Wie halten wir es mit Koalitionen?

Der nötige Konsens wächst langsam, aber stetig. Hessen hat bereits gezeigt, daß eine Anfänger-Fraktion mit dieser Aufgabe überfordert wäre. Das Experiment im Bund wäre mit noch mehr Risiken behaftet als eine Länderkoalition. Deswegen müßte sich in einem Land erproben lassen, was eine schnell wachsende Minderheit wünscht: Statt Protest die gewonnene Verantwortung in Veränderung umzusetzen. Horst Bieber