Marktheidenfeld am Main. Eine ruhige Kleinstadt in Franken. Gastfreundlich, gute Küchen, eigener Wein, eigenes Bier – es lebt sich schön hier und gut, der Herbst strahlt, rotes Spessartlaub, Schwäne und einsamer Fischerkahn im Morgennebel am Altwasser. Die perfekte Idylle, wie aus dem Ferienprospekt. Und, als wäre zu beweisen, daß es so etwas nicht mehr gibt, jetzt das die erste Demonstration der Stadtgeschichte.

Sozialdemokratie, Grüne, Friedensbewegung, Antifaschisten, DGB rufen auf. Seit 25 Jahren treffen sich die alten Kameraden der „4. SS-Polizei-Panzergrenadier-Division“ hier. Sie nennen es „Familienfest“ in ihrer „Wahlgarnisonstadt“: „Kameradschaftsabend“, Kranz niederlegen an ihrer Gedenktafel, Aufschrift: „Die Not der Heimat / war ihnen Befehl / die Treue zu Deutschland/ihr Glaube.“ Erinnerung pflegen. Welche? Darüber bricht jetzt der Konflikt aus.

Wochen vorher schon offene und Leserbriefe, Verbotsanträge, überregionale Presse, internationaler Protest. Ortsschilder besprüht mit Runen: „SS-City“. Unruhe in der Stadt und Angst, bevor noch einer der alten Kameraden zu sehen ist. Immerhin an die 600 Übernachtungen, 600 Gäste, 600 Kunden: der ökonomische Faktor macht es schwer, in dieser Region, strukturschwach und industriearm, anders als wirtschaftlich zu denken.

Warum auf einmal der Ärger? Was ist einzuwenden gegen ein Familientreffen, ein Vierteljahrnundert alt, gegen Freundschaft und Gastfreundschaft?

Seit 1979 sind im Rathaus die Greueltaten von Teilen dieser Division bekannt. Massaker an der Zivilbevölkerung in Griechenland. Vergeltungsschläge gegen Partisanen. In Distomon 218 Tote, in Klissura 215 Morde, in Kalavrita am 13. Dezember 1943 sind es 1400 Opfer. Empörung, Scham und Distanzierung vor allem bei Jungbürgern – aus dem Divisionsorgan „Kamerad – wo bis du?“ (Nr 37/Dezember 1983) werden Zitate bekannt; ein alter Kämpfer erinnert: „Es gab für mich eine ganze Reihe von ,hautnahen Begegnungen‘ mit Aktionen der Partisanen. Von meiner Warte aus waren unsere Reaktionen, auch aus der heutigen reiferen Sicht, durchaus situationsgerecht.“

Das SS-Treffen in Marktheidenfeld findet statt am 13. und 14. Oktober. Schweigemarsch und Kundgebung werden genehmigt für den Samstagvormittag. Der Einzelnandelsverband protestiert gegen die Demonstration in der besten Geschäftszeit ab 11 Uhr und fordert das Landratsamt auf, von den Organisatoren eine Kaution in Höhe von DM 100 000 zu erheben, vorsorglicher Schutz gegen erwartete Sachschäden. Die Stadt ist gespalten.

Am Samstagmorgen drei offene Briefe in der Lokalpresse, betrifft: SS. Die beiden Pfarrherren ziehen sich exkulpierend auf versöhnliche Positionen Jesu zurück und verlassen übers Wochenende die Stadt. Der Bürgermeister säkularisiert das Verfahren und zitiert Rosa Luxemburg „Freiheit des Andersdenkenden“.