Der amerikanische Präsident hat seit Jahren Visionen. Bibelfest wie er sich gern gibt, glaubt er, daß das von den Propheten des Alten Testaments verkündete Armageddon, der Weltuntergang, nahe. Kürzlich warnte das Washingtoner „Christic Institute“ vor Reagans apokalyptischer Stimmungsmache und sah eine Verbindung zu jenen TV-Predigern, die ihrem Millionenpublikum davon erzählen, daß „das gegenwärtige Zeitalter vom Satan beherrscht“ sei. Allesamt schüren sie die Ängste des Durchschnittsamerikaners, der in den verschwommenen Endzeit-Beschwörungen eines in naher Zukunft möglichen Armageddons selbstverständlich nicht irgendwelche apokalyptischen Reiter wahrnimmt, auch nicht nur die Bombe, an der ihr Präsident weiter tüchtig mitbastelt, sondern mit common sense den konkreten Feind erahnt.

Hollywood hat da nun letzte Klarheit geschaffen; und Ronald Reagan ist höchst angetan. Mit aller Deutlichkeit nennt der neue Hollywoodfilm „Red Dawn“ („Rote Morgendämmerung“) den Feind beim Namen. Man höre und staune und traue, schwer fällt es, seinen Augen: Russische, kubanische und nicaraguanische (sie) Soldaten halten in diesem grotesken Patriotismus-Spektakel, das uns Deutschen unter dem deftigeren Titel „Die rote Flut“ zu Weihnachten beschert werden wird, eine verschlafene Kleinstadt in den Rocky Mountains besetzt. Im Vorspann wird schlagzeilenhaft das Ende der westlichen Welt annonciert.

Europa ist neutral geworden, und die Nato ist beim Teufel; in Bonn sind die Grünen an der Macht, die auch gleich die Pershing II an den Absender zurückgeschickt haben; Nicaragua ist bis an die Zähne bewaffnet, und in El Salvador, Honduras und sogar in Mexiko haben linke Revolutionäre das Sagen. Und: die wichtigsten Zentren der Vereinigten Staaten sind durch einen atomaren Erstschlag der Russen zerstört. Da Logik nie Hollywoods Stärke war, grünen in jenem Rocky Mountains-Nest trotzdem weiter die Bäume, und die Bürger gehen ihrem beschaulichen Alltag nach, bis plötzlich vom Himmel das Böse fällt – der Himmel hängt an diesem historischen „roten“ Morgen voller Fallschirme. Der Film, der den Amerikanern ja Mut machen will – kein Hollywood ohne Happy-End –, wandelt sich rasch zum schrecklich-fröhlichen Kriegsspiel. Eine Truppe sportlicher Jugendlicher zieht in die Berge, um von dort den Invasoren nach allen Regeln der Guerillakunst Saures zu geben. Versteht sich, daß diese Halbwüchsigen siegen. Sie vermögen es erst, nachdem sie von ihrem väterlichen Macho-Kommandanten in scheußliche Blutrituale eingeweiht wurden. Am Pfadfinder-Lagerfeuer nötigt er sie, das Blut eines frischgeschlachteten Hirschs zu trinken; sie sollen sich an Blut gewöhnen. Ein Junge, nachdem er seinen ersten „Commie“ getötet hat, bekennt: „Es war ein gutes Gefühl.“ How nice! Der Film, der allein in New York in 51 Kinos spielt, ist ein Hit bei Amerikas vorwiegend jugendlichem Publikum.

Die jungen Leute, berichtet der Londoner Observer, „johlen vor Vergnügen“ und „geben stehend Ovationen, wenn die Kinder-Guerilla es den ‚Commies‘ besorgt“. Die von Pädagogen geschaffene National Coalition on TV and Movie Violence bezeichnet den Film mit „134 Gewalttaten“ als ein „Amalgam faschistischer Phantasien“. Wie passend, daß sich der Regisseur John Milius einen „Zen-Faschisten“ nennt, was immer das sein mag. Die Männer im Weißen Haus hat das nicht verschreckt, Milius zu einer Präsentation seines Films nach Washington zu bitten. Alexander Haig, der ehemalige Außenminister, organisierte eine Vorführung für den Generalstab. „Red Dawn“ – von MGM produziert, in deren Aufsichtsrat er sitzt – sei eine „wichtige, realistische und provokative Lektion“. Der Präsident schloß sich dem herzlichen Applaus an. Ob er dabei an die Millionen Jungwähler gedacht haben mag, die sich offenbar in „Red Dawn“ wiederfinden und Reagan Anfang November zuhauf ihre Stimme geben sollen?

Poor good old America: Während der US-Präsident einem blutrünstigen Machwerk die Ehre erweist, hat Frankreichs Mitterrand sich Wim Wenders „Paris, Texas“ vorführen lassen, den Film, über den der Observer schrieb, er zeige Amerika in „humanen Bildern“, zu denen Hollywood nicht mehr fähig sei. Siegfried Schober