Von Annelies Furtmayr-Schuh und Günter Haaf

Der junge Forscher mit dem mächtigen Vollbart kam im offenen Kittel über Jeans und kariertem Hemd aus seinem Labor. Dann ging er, im Frühjahr dieses Jahres, auf seine Besucherin zu, die ihn im „Basel Institut für Immunologie“ sprechen wollte, und sagte mit seiner unaufdringlichen, fast leisen Stimme: „Ich beneide Sie nicht um Ihre Aufgabe, allgemeinverständlich über monoklonale Antikörper zu schreiben, aber vielleicht hilft Ihnen dazu diese Tabelle etwas.“ Dabei zog er ein auf Hemdentaschenformat gefaltetes Blatt Papier heraus.

Das Papierchen half. Auf der ZEIT-Wissenschaftsseite vom 11. Mai 1984 erschien ein langer Bericht unter dem Titel „Spürhunde für Tumorzellen – Die Wunderwaffen der modernen Medizin heißen monoklonale Antikörper“. Er endete mit den Sätzen: „Zur Zeit wirbt die Max-Planck-Gesellschaft um ihn. Sollte Köhler an das Immunologische Institut nach Freiburg gehen, könnte es sein, daß auch mal wieder ein Nobelpreis für einen in Deutschland arbeitenden Biologen abfällt.“

Georges Köhler arbeitet zwar heute noch in Basel, ist aber seit Jahresanfang Direktor am Max-Planck-Institut für Immunologie in Freiburg. Und er ist, seit Montag dieser Woche, Deutschlands jüngster Nobelpreisträger.

Köhler kam am 17. April 1946 in München zur Welt. Er teilt sich den mit rund 577 000 DM dotierten „Nobelpreis für Medizin und Physiologie 1984“ mit zwei wesentlich älteren ausländischen Kollegen und Mentoren: Niels Jerne und Cesar Milstein. Professor Niels Kaj Jerne, 1911 in London als Sohn dänischer Eltern geboren, leitete bis 1980 das von ihm aufgebaute „Basel Institut für Immunologie“, eine vom Pharmariesen Hoffmann-La Roche als Mäzen unterhaltene Forschungs-Oase. Jerne war bis zu seiner Emeritierung Georges Köhlers Chef; der welterfahrene Immunologe hatte in den sechziger Jahren unter anderem auch einen Labortest entwickelt, der dann entscheidend für Köhlers bahnbrechende Arbeit sein sollte.

Professor Milstein wurde 1927 im argentinischen Bahia Bianca geboren. Der naturalisierte Brite bot Mitte der siebziger Jahre dem frisch promovierten post doc-Studenten Köhler an seinem „Labor für Molekularbiologie“ in der englischen Universitätsstadt Cambridge die nötige Unterstützung und den richtigen geistigen Nährboden für eine Schlüsselentdeckung der modernen Medizin: eben jene Substanzen mit dem seltsamen Namen monoklonale Antikörper.

Die Revolution fand, wie so oft in den Naturwissenschaften, zunächst ohne großes Aufsehen statt. Am 17. Mai 1975 reichten Köhler und Milstein einen Bericht beim renommierten Londoner Fachblatt Nature ein, das den Artikel nach kurzer Prüfung am 7. August veröffentlichte. Im Schlußsatz bemerkten die beiden Forscher, daß ihre neuartigen Zellkulturen „nützlich für den medizinischen und industriellen Gebrauch sein könnten“. Es war, wie sich herausstellen sollte, eine der großen Untertreibungen der modernen Wissenschaft.