Von Hans-Joachim Müller

In den frühen sechziger Jahren sind zum erstenmal Bilder des Amerikaners Cy Twombly in Europa zu sehen gewesen. Bilder, die gleich auffielen. Vielleicht ihrer Unauffälligkeit wegen. Zu den Schlagzeilen der Tageskunst damals gehörten sie offenbar nicht. Aktuell wirkten sie kaum, akut irgendwie schon. Rätselhaft, wie sie spürbar ohne erhobene Stimme Ernstes mitzuteilen hatten. Wovon aber war die Rede? Eine Hülle unerklärlicher Abgeklärtheit barg das noch junge Werk. Frühe Beschreibungen kreisen denn auch unschlüssig um diese eigentümlich unzulängliche Mal- und Zeichenkunst, halten immer, wenn sie an ihrem Ausgangspunkt angekommen sind, wieder eine neue Entdeckung bereit. Pierre Restany zum Beispiel, der französische Kritiker, charakterisierte 1966 seine Begegnung mit Cy Twomblys Arbeit so: Sein Zeichnen ist Poesie, Reportage, geheime Geste, sexuelle Entspannung, automatische Schrift, Selbstbejahung und -verneinung." Bilder, die vieles zu sein scheinen. Was sind sie zusammen?

Auch wenn nach zwanzig Jahren nun der Verlauf des Werks erkennbarer geworden ist, wenn die nie abrupten, fast unmerklichen Veränderungen langsam eine Richtung anzeigen, hat sich an der kalkuliert verschlossenen, an der unverfügbaren Struktur wenig geändert. In dem Maße, in dem Twomblys Bilder und Zeichnungen in ihrer disziplinierten Sinnlichkeit ganz unmittelbar berühren, vereiteln sie auch immer wieder den Versuch, ihrer Botschaft oder wenigstens ihrer Logik endgültig auf die Spur zu kommen.

Eine große sechsteilige Bildtafel aus dem Jahr 1968 hängt in der Sammlung Ludwig: "Treatise on the veil" – Traktat über den Schleier. Bild und Titel haben die Interpreten beispielhaft herausgefordert.

"Wahrscheinlich", schreibt Alfred M. Fischer, "geht die Darstellung auf ein von Rauschenberg an Twombly geschenktes Muybridge-Photo zurück, das eine in Brautgewand und Schleier gekleidete, nach rechts hinschreitende Frau zeigt."

"Vielleicht", schreibt Franz Meyer und denkt an Duchamps "Braut"-Objekt, "bezieht sich der Schleier auf die Braut, und sein Fall bedeutet dann die Entkleidung?"

"Andeutungen", schreibt Evelyn Weiss, "Andeutungen eines unbekannten Plans."