Auszüge aus dem Buch: „Die unbekannte Welt von Santa Fu“

Wolfgang Sarodnick, Anstaltsleiter, 45 Jahre alt, Diplompsychologe, Leiter von Fuhlsbüttel.

Seit 1972 hat sich der Vollzug in der Anstalt Fuhlsbüttel grundlegend geändert. Den Insassen ist eine größtmögliche Bewegungsfreiheit in einem Bauwerk zugestanden worden, das zu einer Zeit errichtet wurde, in der ein ganz anderer Strafvollzug auf der Grundlage eines beängstigenden Menschenbildes beabsichtigt war...

Es darf aber auch nicht die Gefahr verkannt werden, daß Freiheiten mißbraucht werden und gute Chancen nicht ausreichend wahrgenommen werden. Immerhin hat sich im Vergleich zu früher gezeigt, daß das Risiko, das von den meisten vergleichbaren Anstalten noch gescheut wird, sich gelohnt hat und zu einer entspannteren Atmosphäre mit weit weniger aggressiven Entladungen geführt hat...

Die Situation der Inhaftierten wurde von den Insassen nicht freiwillig gewählt und ist daher mit permanenter Unzufriedenheit durchsetzt. Insofern wird der für alles verantwortliche und vermeintlich allmächtige Anstaltsleiter von einer erdrückenden, allseitigen Erwartungshaltung bedrängt. Die Insassen versuchen verständlicherweise ihre Situation nach ihrem Vorteil zu verändern und werden in dieser Haltung von ihren Angehörigen und Anwälten unterstützt. Die Bediensteten erwarten Anerkennung und Zuwendung für ihre Bemühungen in einer schwierigen Arbeit. Die Behörde verlangt Rechtfertigung und bedenkt die Anstalt mit Auflagen, da spektakuläre Ereignisse politisch ausgeschlachtet werden könnten. Presse und Öffentlichkeit reagieren oft mit Unverständnis und unsachgemäßer Kritik, und im täglichen Anstaltsablauf prasselt eine Fülle an Informationen auf die Anstaltsleitung ein, die verarbeitet werden müssen.

Rainer Boede, 28 Jahre alt. Zehn Jahre Jugendstrafe wegen Mordes. Seit 1977 in Fuhlsbüttel.

Geboren wurde ich 1955, unehelich. Mit meinem ersten Lebensjahr kam ich zu Pflegeeltern nach Glückstadt. Mit zwölf kam ich dann in ein Heim nach Schleswig. Hier wurde dann die Fürsorgeerziehung angeordnet. Mit vierzehn kam ich nach einer Flucht aus dem Heim kurz in Untersuchungshaft und wurde dann in ein Heim nach Göttingen gebracht. Mit fünfzehn bekam ich in Göttingen wegen Einbruchsdiebstahls eine Jugendstrafe von sechs Monaten. Nachdem ich die verbüßt hatte, ging ich von Göttingen aus wieder nach Glückstadt zurück. Hier wurde ich mit fast siebzehn wegen mehrerer Einbrüche und wegen Brandstiftung zu einer Jugendstrafe von einem bis drei Jahren verurteilt. Nach zwei Jahren drei Monaten wurde ich mit neunzehn entlassen.