Immer wieder werden die Unternehmer von Gewerkschaften, Politikern und Verbänden aufgefordert, zusätzliche Lehrstellen zu schaffen. Einer, der sich diesen Appellen nicht verschlossen hat, schildert hier, daß ihm dabei Enttäuschungen nicht erspart geblieben sind. Karl-Ernst Vaillant ist Geschäftsführer der Joh. Vaillant GmbH in Remscheid

Neue Lehrstellen schaffen“, diese Forderung der Politiker ist populär. Die Unternehmer, so heißt es, müßten sich nur entschließen, zusätzliche Lehrstellen bereitzustellen, und schon sei das Problem Jugendarbeitslosigkeit zum größten Teil gelöst. Gerade größere Unternehmen wie Vaillant werden hier immer wieder direkt gefordert und öffnen sich bereitwillig.

Doch so einfach ist es nicht, selbst wenn guter Wille vorhanden und die Kosten für neue Lehrstellen eingeplant werden. Ich möchte hier überhaupt nicht von den zahlreichen bürokratischen Hemmnissen sprechen, die vor allem für kleinere Betriebe eine große Belastung sind. Die Handelskammern können das besser darstellen.

Vaillant kann sowohl auf erfahrene und geprüfte Ausbilder als auch auf alle anderen notwendigen Einrichtungen zurückgreifen. Das Problem liegt vielmehr in der Eignung sowie Einstellung der Bewerber. Bei den Aufnahme- und Bewertungstests zeigen sich erhebliche Wissenslücken sowohl bei der Rechtschreibung als auch in der Mathematik. Außerdem fehlt vielen jedes Verständnis für die Anforderungen des Berufslebens. Die vieldiskutierte „Anspruchshaltung“ ist oft deutlich zu spüren. –

Wie ist es sonst zu verstehen, daß wir in unserem Hause von den zusätzlich bereitgestellten Ausbildungsplätzen nur 40 Prozent besetzen konnten? Daß sich Jugendliche für einen Ausbildungsplatz bewerben, aber nur die Hälfte der Bewerber zu einem persönlichen Gespräch erscheint? Und daß von denen, die sich dann vorstellen, kaum nennenswertes Interesse gezeigt wird, ja man sogar den Eindruck gewinnen kann, daß die Bewerber gar nicht so unglücklich sind, den Anforderungen nicht entsprochen zu haben.

Nun kann nicht nur den Jugendlichen allein ein Vorwurf gemacht werden. Sie sind schließlich nicht als fertige Menschen zur Welt gekommen, sondern werden von Elternhaus, Umfeld und Schule geprägt. Vor allem in der Schule scheint hier einiges im argen zu liegen. „Klassische“ Fächer wie Deutsch und Mathematik sind zugunsten anderer Lehrstoffe zurückgedrängt worden. Provozierend läßt sich da fragen, was es bringt, wenn ein Hauptschulabsolvent ein paar Brocken Englisch spricht, dafür aber seine Muttersprache nicht richtig beherrscht oder Gesellschaftslehre und Meinungsmache besser als den einfachen Dreisatz kennt.

Wir als Unternehmer, ob aus Handwerk oder Industrie, müssen wieder deutlich machen, daß es überwiegend Propaganda ist, wenn von einer „Lehrstellenkatastrophe“ gesprochen wird. Sicher findet heute nicht jeder eine Lehrstelle in seinem Wunschberuf. Auf der anderen Seite gibt es jedoch zahlreiche Lehrstellen, die nicht besetzt werden können. Ein Jugendlicher wird einen Ausbildungsplatz bekommen, wenn er flexibel genug ist, längere Fahrzeiten in Kauf zu nehmen oder einen Beruf zu ergreifen, der nicht hundertprozentig seinen Träumen entspricht. Er hat vor allem dann eine Chance, wenn er bereit ist, Berufs- und Aufstiegschancen auf die Basis persönlicher Leistungsbereitschaft zu stellen.