Von Rob Kieffer

Man schreibt das Jahr 1920. Ein Reporter der Gazette de Liege und ein dort angestellten Arbeiter betreten eines Morgens das Lütticher Rathaus. Ihre Anwesenheit fällt weiter nicht auf. In einem entlegenen Korridor stehen drei verstaubte Kisten, die die beiden klammheimlich auf einen Schubkarren laden, ehe sie sich aus dem Gebäude stehlen und die mysteriöse Fracht zu einem befreundeten Bibliothekar bringen.

Die Kisten enthalten eine kostbare Kollektion alter Zeitungsausschnitte aus dem Ersten Weltkrieg, die ein Sammler der Stadt Lüttich vermacht hat. Anstatt den Dokumenten jedoch einen gebührenden Platz in der Stadtbibliothek einzuräumen, übt sich die Gemeindeverwaltung in Schludrigkeit und läßt die bibliophile Schenkung in den ungeöffneten Kisten vergilben.

Knapp zwei Stunden nach der Tat erscheint die Gazette de Liege mit der Schlagzeile "Amtliche Nachlässigkeit – ein schlechtbewachtes Rathaus", berichtet vom vermeintlichen Diebstahl der Sammlung und prangert den behördlichen Schlendrian an. Die Stadtväter sind blamiert, das Lokalblatt hingegen hat seine auflagenstimulierende Story.

Der Journalist, der mit Einwilligung seines Chefredakteurs den Streich inszenierte (die Kisten wurden natürlich wieder zurückerstattet), ist erst 17 Jahre alt. Sein kaum beneidenswertes Ressort – die "chiens ecrases", die "überfahrenen Hunde", wie man im Fachjargon spöttisch die Lokalberichterstattung nennt. Sein Name – Georges Simenon.

Diese Anekdote erzählt mir Jean-Denys Boussard vom Lütticher Fremdenverkehrsamt, mit dem ich auf den Pfaden des Maigret-Autors durch die belgische Provinzhauptstadt wandele. Der prominente Sohn der Stadt wanderte mit 19 Jahren nach Paris aus, wo er unter 16 verschiedenen Pseudonymen erst einmal "Schauerdramen für die Conciergen" mit Fließbandeifer in die Maschine tippte, ehe er 1931 Kommissar Maigret, den pfeifenrauchenden Anti-James-Bond vom Quai des Orfèvres, seinen ersten Fall lösen ließ. Simenon wurde schnell erfolgreich in Paris, aber seiner wallonischen Heimatstadt ist er immer verbunden geblieben.

Boussard, selbst eingefleischter Simenon-Fan, ist geistiger Vater der etwa sechsstündigen Promenade durch das Lüttich des Meisters des Kriminalromans: "Wir wollen jedoch keinen Rummel um diesen literarischen Rundgang machen. Es wäre uns peinlich, wenn plötzlich T-Shirts mit dem Porträt von Georges Simenon auf den Markt kämen", beteuert er, der den Romancier nicht respektlos vermarkten möchte. Und da man den berühmten Belgier nicht vor vollendete Tatsachen stellen wollte – immerhin hatte er einmal in einem Interview den Touristen als "Feind der ganzen Welt" tituliert – fragte das Lütticher Fremdenverkehrsbüro fairerweise Georges Simenon um seine Einwilligung. Der heute 81jährige, der in Lausanne lebt und kaum mehr zur Feder greift, gab seinen Segen. Hatte die Stadt Lüttich ihm ja schon vor Jahren eine seltene Ehrung zuteil werden lassen, indem sie die "rue Louis Pasteur", wo sich einer der Wohnsitze des Schriftstellers befand, in "rue Georges Simenon" umtaufte.